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Unterschiedliche Sicht auf 30 Transportminuten

Stroke Units fürchten um die sehr gute Notfallversorgung

"Das System der deutschen Stroke Units hat im internationalen Vergleich Vorbildcharakter", betonte Professor Dr. Darius G. Nabavi. Der Vorsitzende der Stroke Unit Kommission der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) erinnerte daran, dass die ersten Einrichtungen vor rund 20 Jahren eröffnet wurden. Mittlerweile seien es etwa 320. Das Erfolgskonzept liegt nach seinen Angaben in der engen Kooperation zwischen regionalen und spezialisierten überregionalen Stroke Units begründet.

Ein Urteil des Bundessozialgerichts (Az.: B1 KR38/17 R und B1 KR 39/17 R) wird die flächendeckende gute Versorgung von Schlaganfallpatienten verschlechtern, befürchten Experten. Knackpunkt sind mögliche Rückforderungen von Krankenkassen bezogen auf die Vergütung der neurologischen Komplexbehandlung in den Stroke Units.

Gefahr der Rückforderung der Vergütung durch die Kassen

Wie Professor Dr. Armin Grau, Vorsitzender der DSG, darlegte, bieten die überregionalen Schlaganfallzentren für die etwa 5 bis 10 % der besonders schwer betroffenen Patienten hoch spezialisierte neuroradiologische und neurochirurgische Leistungen an, bei Vorhaltung eines multiprofessionellen Teams und besonderer Medizintechnik.

Das Problem ist nun: Wird die halbstündige Transportentfernung nicht eingehalten, können die Krankenhäuser die für die Kostendeckung erforderliche Zusatzvergütung generell nicht abrechnen – auch nicht für jene Patienten, die gar nicht verlegt werden. Zusätzlich besteht laut Prof. Grau die große Gefahr umfangreicher Rückforderungen aus den letzten vier Jahren durch die Kassen. "Dadurch ist die wirtschaftliche Existenz zahlreicher Schlaganfall-Einheiten – und somit auch die Versorgung vieler Patienten – extrem gefährdet."

Ab wann muss gerechnet werden?

Die entscheidende Frage sei, ab wann die 30 Minuten gerechnet werden, erklärte Prof. Grau. Das Bundessozialgericht (BSG) meint dabei die Zeit zwischen der Entscheidung, ein Transportmittel anzufordern, und der Übergabe des Patienten. Das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information, im Geschäftsbereich des Bundesgesundheitsministeriums für Kodierungsfragen zuständig, sieht die "Zeit zwischen Rettungstransportbeginn und Rettungstransportende" als entscheidend an.

Konkret heißt es: „in höchstens halbstündiger Transportentfernung (Zeit zwischen Rettungstransportbeginn und Rettungstransportende)“. Das Strukturmerkmal sei erfüllt, wenn die halbstündige Transportentfernung unter Verwendung des schnellstmöglichen Transportmittels, z.B. Hubschrauber, grundsätzlich erfüllbar sei.

Die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe und die DSG fordern, dass das Bundesgesundheitsministerium regelnd aktiv wird, um die gute Schlaganfallversorgung aufrechtzuerhalten.

Pressekonferenz der DSG

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