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"Wir sind auf dem Spielfeld und haben gesagt, auf welches Tor wir spielen!"

DDG positioniert sich mit Code of Conduct zu Digital Health

Warum braucht die DDG einen "Code of Conduct" zur Digitalisierung?

Professor Dr. Dirk Müller-Wieland: Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft, unsere zwischenmenschlichen Beziehungen und problemorientierten Lösungswege, aber auch unsere persönlichen Wünsche, Ideen, Ängste und Sorgen. Sie verändert die Arzt-Patient-Beziehung und eröffnet neue technische Möglichkeiten, birgt aber auch Gefahren.

Deshalb verändert die Digitalisierung die Diabetologie von der Forschung bis zur Versorgung grundlegend. Hierfür gibt es allerdings noch keine "Blaupausen". Daher ist es aus unserer Sicht Pflicht einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft, den Rahmen des Handlungs- und Entwicklungsfeldes abzustecken.

Wie verlief der Erarbeitungs- und Abstimmungsprozess für den Code of Conduct?

Prof. Müller-Wieland: Zunächst kristallisierte sich das Thema "digitale Transformation und ihre Bedeutung für die Diabetologie" im Laufe von Gesprächen mit Freunden, Klinikern, Forschern, Ökonomen und Experten wie Manuel Ickrath und Prof. Lutz Heinemann als ein Kernthema heraus, garniert von Literatur und der Diskussion journalistischer Beiträge. Es war dann mein ausdrücklicher Wunsch als neuer DDG-Präsident, eine Task Force Digitalisierung der DDG unter der Leitung von Herrn Ickrath zu gründen.

Der erste Schritt waren die Definition wesentlicher Handlungsfelder und eine intensive Auseinandersetzung mit dem Datenschutz mit Fachjuristen. Zudem wurden die Positionen verschiedener Akteure ausgelotet, darunter Gematik, Landesärztekammern, Wissenschaftler, Kollegen in Klinik und Praxis, Industrie, Politiker, Betroffene und auch Google.

Danach war klar, dass wir zunächst Eckpfeiler für einen Handlungsrahmen seitens der DDG benötigen. Dann können Einzelprojekte im Detail bearbeitet werden. Dies ist wichtig in einem Feld, wo die Wirklichkeit durch Handeln bereits vehement gestaltet wird. Das Thema digitale Transformation ist eben mehr als nur Apps und Telemedizin.

Welches sind die zentralen Positionen der DDG zu Datenschutz und Datensicherheit?

Prof. Müller-Wieland: Die informationelle Selbstbestimmung – aber primär nicht verbunden mit Verbot, sondern mit einem „Zukunftsfenster“ und individueller Wahlfreiheit. Lassen Sie uns grundsätzlich offen sein für die neuen Entwicklungen.

Welche Forderungen erhebt die DDG bezüglich der Weiterentwicklung der elektronischen Gesundheitskarte?

Prof. Müller-Wieland: Wir denken hier eher an den Personalausweis, der auch nicht von vielen Anbietern, sondern unter staatlicher Kontrolle hergestellt wird. Missbrauch ist sanktioniert. Das schafft Vertrauen in den Personalausweis.

Die eGK sollte idealerweise auch Forschungsdaten von Patienten in einem dritten Fach beinhalten, sodass Big Data in der Forschung integrativ evaluiert werden kann. Allerdings muss die Gematik bzw. Selbstverwaltung mehr Gas geben, sonst wird sie überholt.

Wieviel Kontrolle brauchen Anwender über die Algorithmen, denen digitale Instrumente zur Therapiesteuerung unterliegen?

Prof. Müller-Wieland: Die Anwender brauchen keine "Kontrolle", sie sollten aber die erhobenen Daten verstehen. Uns geht es darum, dass Algorithmen, die in der Konsequenz zu einer Therapieänderung führen, vom Gesetzgeber ähnlich behandelt und überprüft werden sollten wie Medikamente.

Zumindest muss es ihm möglich sein, die zugrundliegende Systematik zu prüfen. Hierdurch darf das Copyright bzw. Urheberrecht des Herstellers nicht tangiert werden. Dies beinhaltet auch einen Modus der kontinuierlichen Überprüfung nach Marktzulassung.

Warum ist die Interoperabilität technologischer Standards so wichtig?

Prof. Müller-Wieland: Der Anwender will nicht an der Technik scheitern, die soll funktionieren! In Bezug auf den Diabetes heißt das, den problemlosen Austausch der Daten zu ermöglichen. Wir können ja auch Bilder und Kurznachrichten via Smartphones verschicken, ohne vorher fragen zu müssen, welches Smartphone der Empfänger hat.

Wäre das der Fall, würde das Produkt nicht überleben. Deshalb legen wir als DDG viel Wert darauf, dass bei Digital Health die Patienteninteressen in allen Belangen strukturiert berücksichtigt werden und dass Patienten in Entscheidungsprozesse einbezogen werden.

Viele Patienten nutzen Wearables und Apps, doch die Ärzteschaft begegnet diesen Instrumenten weiterhin mit einer gewissen Skepsis. Sehen Sie hier ein "Technologie-Gap" zwischen Patienten und Ärzten?

Prof. Müller-Wieland: Die Ärzte begegnen diesen Entwicklungen per se nicht mit Skepsis, da muss ich vehement widersprechen. Ärzte sehen aber, dass diese unkritisch und ohne medizinische Reflexion angewendet werden, ggf. sogar mit nicht-evaluierten Therapieempfehlungen. Darum begrüßen wir es sehr, dass aus der AGDT die Gruppe "DiaDigital" entstanden ist, die diabetesbezogene Apps aus Benutzersicht bewertet.

Wie bei allen technischen Geräten und Analysen in der Medizin gilt auch für Wearables und Apps: Die Werte müssen stimmen! Anwendungen müssen vor dem allgemeinen Einsatz evaluiert sein. Missbrauch muss definiert und sanktioniert sein. Hierfür muss die Selbstverwaltung mit dem Gemeinsamen Bundesausschuss den Umgang mit Diabetes-Technologien regeln. Hierzu sind wir im Gespräch und bereiten Ideen und Vorschläge seitens der DDG vor.

Welches wissenschaftliche Potenzial birgt Big Data aus Sicht der DDG?

Prof. Müller-Wieland: Diabetes ist eine sehr heterogene und noch weitgehend unverstandene Erkrankung –  bezüglich ihrer Entstehungsmechanismen, des individuellen Risikos für Komplikationen und bei den Ansprechraten auf bestimmte Therapieformen.

Durch Musteranalysen von Big Data können potenziell neue Subgruppen, Mechanismen und therapeutische Ziele erkannt werden, die eine wirklich maßgeschneiderte Behandlung ermöglichen.

Können digitale Anwendungen dabei helfen, den sich abzeichnenden Ärztemangel abzufedern?

Prof. Müller-Wieland:  Digitale Anwendungen können und werden nicht das ärztliche Gespräch und die ärztliche Begleitung ersetzen. Digitalisierung kann helfen, in der Prävention auch Patienten besser zu erreichen, die derzeit aus persönlichen oder strukturellen Gründen nicht adäquat betreut werden.

Sie kann dazu beitragen, flächendeckend eine hochwertige Versorgung anzubieten und verschiedene Fachexpertisen zu vernetzen. Digitalisierung kann gebündeltes Wissen zum Patienten bringen – und nicht umgekehrt.

Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz in der Diabetologie?  

Prof. Müller-Wieland: KI ist natürlich eine charmante Vision: mein "Personal Trainer", der mit Puppenaugen klappert und mir mit etwas blecherner Stimme sagt, wie gut ich bin, was ich tun sollte etc. Ich sehe wirklich einen großen Stellenwert in einer flächendeckenden individualisierten Prävention. Das kann die Ärzteschaft nicht leisten, hier liegt also neues Marktpotenzial.

KI als schnelle Entscheidungshilfe ist sehr gut und sichert mögliche Interaktionen von Maßnahmen und Nebenwirkungen ab. Das primäre Therapiekonzept muss dennoch persönlich verantwortet werden, das kann nur ein Arzt. Handeln kann KI auch, doch die damit verbundene Verantwortung tragen Menschen!

Wie will die DDG ihren Code of Conduct in die politische Diskussion einbringen und weiterentwickeln?  

Prof. Müller-Wieland: Der Code of Conduct ist ein lebendes Dokument, das regelmäßig überprüft und auf Grundlage veränderter Rahmenbedingungen aktualisiert werden muss. Er spiegelt unsere Erwartungen wider, mit denen sich nun die anderen Akteure im Gesundheitswesen auseinandersetzen können. Wir sind auf dem Spielfeld und haben gesagt, auf welches Tor wir spielen!

 

Direkter Link zum Code of Conduct Digital Health: bit.ly/2yrm28w

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