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Die Psyche spielt mit

Männer und Frauen gehen anders mit Diabetes um

Junge Frauen mit Typ-1-Diabetes weisen im Schnitt eine schlechtere Blutzuckereinstellung auf als junge Männer. Im Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes 2016 wird z.B. festgehalten, dass das HbA1c bei vielen Mädchen und jungen Frauen zwischen dem 8. und 25. Lebensjahr über 7,5 % liegt.

Junge Männer haben dagegen häufiger einen HbA1c-Wert unter 7,5 %. Zudem gelingt es männlichen Patienten eher, die vereinbarten Zielwerte zu erreichen. Besonders bei Kindern und Jugendlichen sowie bei über 50-Jährigen ist dies augenfällig.

Angst vor Gewichtszunahme

Diese Unterschiede dürften zum Teil mit hormonellen Umstellungen in Pubertät und Menopause zusammenhängen. Aber speziell bei jungen Frauen steckt noch etwas anderes dahinter: "Junge Frauen mit Typ-1-Diabetes neigen aus Angst vor einer Gewichtszunahme dazu, am Insulin zu sparen", so Professor Dr. Bernhard Kulzer, Psychodiabetologe und Leiter des Forschungsinstituts der Diabetes-Akademie Bad Mergentheim sowie Projektpartner im DZD.

Emotionen spielen im Umgang mit dem Diabetes bei Frauen grundsätzlich eine größere Rolle als bei Männern. Frauen nehmen sich die Erkrankung stärker zu Herzen, so Prof. Kulzer, während Männer eher dazu neigen, Gefühle zu verdrängen und problemfokussiert vorzugehen.

Typisch Mann, typisch Frau?

Bei beiden Strategien sieht Prof. Kulzer Vor- und Nachteile: Das Zulassen von Emotionen ist für eine erfolgreiche Krankheitsbewältigung zuträglich, weil der Prozess in die Tiefe geht. Aber diese Herangehensweise birgt die Gefahr, dass negative Gefühle übermächtig werden. Frauen entwickeln im Gefolge eines Diabetes häufiger psychische Störungen, die eine zusätzliche Belastung sind und einen ungünstigen Einfluss auf die Erkrankung nehmen.

Die eher männliche, problemorientierte Herangehensweise hat Vorteile, wenn es darum geht, Therapiestrategien in die Tat umzusetzen. Andererseits kann keine echte Auseinandersetzung mit der Krankheit stattfinden, wenn emotionale Reaktionen unterdrückt werden. Negative Gefühle werden „gerne“ überdeckt: Männer mit Diabetes neigen häufiger zu Suchtverhalten.

Unterstützung vermitteln

Depressionen, Angsterkrankungen und Essstörungen sind bei Frauen mit Diabetes häufiger zu finden. Dies verkompliziert das Diabetesmanagement: Depressiven Menschen etwa fällt es nachweislich schwerer, Therapievorgaben im Alltag umzusetzen. Ärzte sollten Dia­betespatienten, bei denen sich eine psychische Überlastung abzeichnet, geeignete Unterstützung bzw. psychotherapeutische Begleitung vermitteln.

Suizidgefahr im Blick haben

Ein relevantes Problem ist auch die – bei Diabetes erhöhte – Suizidgefahr: Suizidversuche kommen bei Frauen mit Diabetes häufiger vor, bei Männern dagegen liegt die Rate "erfolgreicher" Suizide höher – ein Unterschied zwischen den Geschlechtern, der nicht nur den Diabetes mellitus betrifft.

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