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Teufel und Beelzebub

Suchtverlagerung nach bariatrischer Chirurgie

Eine US-amerikanische Forschergruppe hat zwei neue Studien zur Problematik der Suchtverschiebung nach bariatrischer Chirurgie publiziert: Eine der beiden Studien dokumentiert nach Roux-Y-Magenbypass (RYGB, Roux-en-Y Gastric Bypass) bei einem Fünftel der Patienten Anzeichen einer Alkoholabhängigkeit.

Die andere Studie weist nach bariatrischen Operationen einen steigenden Konsum von Opioiden nach. Da bei Patienten mit schwerer Adipositas Suchtphänomene sehr häufig eine Rolle spielen, dürften die Studienergebnisse im Sinne einer Suchtverlagerung zu interpretieren sein.

Ein Fünftel aller RYGB-Patienten werden alkoholabhängig

In der ersten prospektiven Beobachtungsstudie1 wurden rund 2000 Patienten – davon fast 80 % Frauen – nach RYGB (n=1481) bzw. LAGB (Laparoscopic Adjustable Gastric Banding; n=522) erfasst. Das mediane Alter in der Kohorte betrug 47 Jahre, der mediane Body Mass Index (BMI) lag vor dem Eingriff bei 45,6.

Mit dem "Alcohol Use Disorders Identification Test" fahndeten die Wissenschaftler nach einem erhöhten Alkoholkonsum, aber auch andere Drogen – Kokain, Halluzinogene, Schnüffelstoffe, Phencyclidin, Amphetamine und Marihuana – wurden abgefragt. Außerdem flossen Arztkonsultationen bzw. Klinikeinweisungen wegen Drogenproblemen in einem Zeitraum von bis zu sieben Jahren in die Auswertung ein.

Die kumulative Inzidenz von Anzeichen einer Alkoholabhängigkeit lag in den ersten fünf Jahren nach Roux-Y-Rekonstruktion bei 20,8 %. Das heißt, ein Fünftel aller RYGB-Patienten war nach eigenen Angaben betroffen und damit rund doppelt so viele wie nach Einsetzen eines Magenbands (11,3 %).

Hinsichtlich anderer Drogen lag das Risiko einer Suchtentwicklung nach RYGB um 76 % höher (7,5 % versus 4,9 %) und Arztkonsultationen wegen Abhängigkeitsphänomenen fanden nach RYGB fast viermal so häufig statt wie nach LAGB.

Steigender Opioidkonsum in den Folgejahren

Auch Opioide zählen zu den möglichen Ersatzdrogen. Im Rahmen der postoperativen Schmerztherapie haben Patienten nach bariatrischen Eingriffen die Möglichkeit, sich – auch langfristig – regelmäßig Opioid­analgetika verschreiben zu lassen. Davon machte im siebenjährigen Beobachtungszeitraum der zweiten Studie ein Fünftel aller Patienten Gebrauch.

In dieser Beobachtungsstudie2 wurde eine ähnliche Kohorte – über 2218 Patienten nach bariatrischen Eingriffen, Frauenanteil knapp 80 %, medianer BMI 46 – analysiert. In rund 70 % der Fälle wurde eine Roux-Y-Rekonstruktion durchgeführt. Für den Opioidkonsum als Zielgröße wurden Patientenaussagen herangezogen, wobei zwischen täglicher, wöchentlicher bzw. bedarfsweiser Anwendung differenziert wurde.

Unmittelbar nach dem bariatrischen Eingriff kamen bei 14,7 % der Patienten Opioidanalgetika zum Einsatz. Die Rate der Verschreibungen sank zunächst bis zum Ende des sechsten Monats auf 12,9 %, um dann bis zum Ende des Beobachtungszeitraums auf 20,3 % anzusteigen. Ein Fünftel aller Patienten konsumierte also regelmäßig Opioide und das auf lange Sicht.

Von den Patienten, die unmittelbar nach der OP nicht mit Opioiden behandelt wurden, ließen sich nach sechs Monaten 5,8 % Opio­ide verschreiben und im weiteren Verlauf stieg die Rate auf 14,2 %. Diese "Neuzugänge" waren maßgeblich verantwortlich für die hohe Rate an Langzeit-Opioidkonsumenten.

Lücke wird scheinbar anderweitig gefüllt

Die beiden Studien untermauern den Verdacht, dass im Gefolge baria­trischer Eingriffe ein hohes Risiko einer Suchtverlagerung besteht. Der erzwungene Entzug von suchthaft konsumierten Nahrungsmitteln erzeugt offenbar eine Lücke, die anderweitig gefüllt wird.

Die Autoren der beiden Studien fordern eine erhöhte Achtsamkeit gegenüber diesem Phänomen, eine entsprechende Aufklärung der Patienten sowie ein regelmäßiges Screening über längere Zeiträume hinweg, ebenso wie ein Angebot alternativer Schmerztherapien.

1 King WC et al. Surg Obes Rel Dis 2017; 13: 1392-1402
2 King WC et al. a.a.O.; 1337-1346

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