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Wunderwaffe oder Blendwerk?

Formula-Diäten zur Gewichtsreduktion bei Typ-2-Diabetespatienten – Pro und Contra

Erfolge lassen sich mit Formula-Diäten allemal erzielen. Das konnte in unterschiedlichen Studien belegt werden. Es bleibt jedoch der fade Beigeschmack, dass bei übergewichtigen Typ-2-Diabetespatienten zu schnell zum "Pulver" gegriffen und dem Betroffenen so die Eigenverantwortung für seine Situation nicht hinreichend vor Augen geführt wird.

Kritiker befürchten: "Die Patienten lernen nichts über die notwendigen Lebensstilinterventionen, wie bewusste Ernährung, richtiges Einkaufen, Mahlzeitenzubereitung und -gestaltung."

Letztendlich gilt es, das im Einzelfall abzuwägen. Auch in der aktuellen S3-Leitlinie zur Prävention und Therapie der Adipositas wird der Ersatz einzelner Mahlzeiten durch Formulaprodukte bzw. eine zeitlich begrenzte alleinige Formuladiät als Therapieoption aufgeführt. Allerdings immer in Kombination mit einer Ernährungs-, Verhaltens- und Bewegungstherapie.

 

Pro von Professor Dr. Stephan Martin, Westdeutsches Diabetes- und Gesundheitszentrum, Düsseldorf

Formula-Diäten als Motivationsinstrument

Die in der Diabetologie verfestigte Ansicht, wonach man Personen mit Typ-2-Diabetes nicht zu einer konsequenten Lebensstiländerung bewegen kann, wurde in den letzten Jahren durch die Arbeitsgruppe von Roy Taylor (Newcastle University, Großbritannien) widerlegt. Er konnte zeigen, dass auch ein längerfristig bestehender Typ-2-Diabetes in eine klinische Remission gebracht werden kann.1 Wichtigster Schritt dabei ist der Einsatz von Formula-Diäten! Wir konnten die Ergebnisse aus England mit  einer handelsüblichen proteinreichen Formula-Diät bestätigen.2

Dabei empfehlen wir Patienten, sich für wenige Tage ausschließlich mit diesen Protein-Shakes – durch etwas Zugabe an Öl liegt die Kalorienaufnahme bei 1200 kcal pro Tag – zu ernähren, jedoch dabei den Blutzucker strukturiert zu messen. Bereits am zweiten Tag normalisieren sich in der Regel die Blutzuckerwerte und Antidiabetika können bzw. – im Fall von Sulfonylharnstoffen oder Insulin – müssen drastisch reduziert oder abgesetzt werden.

In den sich anschließenden Wochen sollen die Patienten schrittweise wieder auf eine normale Kost umsteigen, jedoch die Auswirkung der "normalen" Mahlzeiten weiterhin durch die Blutzuckerselbstkontrolle überprüfen.

Kommt es durch Diätfehler zu Stoffwechselentgleisungen, bieten Formula-Diäten den Betroffenen die Chance, diese für wenige Tage zu nutzen – anstelle die Insulintherapie zu steigern –, um die Blutzuckerwerte zu stabilisieren.

Das Wissen zur Ernährung nimmt in der Bevölkerung stetig ab und es besteht die Gefahr, dass Patienten durch theoretische Ernährungsberatungen überfordert werden. Zu Zeiten von Diabeteseinstellungen in Spezialkliniken wurde den Patienten im Rahmen der stationären Aufenthalte das Potenzial von Ernährungsumstellungen praktisch demonstriert. Diese Lücke können strukturierte Programme mit Formula-Diäten – wie unseres oder das aus England – schließen.

Jedoch sind diese nur ein Puzzlestein in einer umfangreichen Änderung des Lebensstils! Die schnellen und einfach zu erreichenden Erfolge durch den Einsatz von Formula-Diäten zeigen jedem einzelnen Patienten, dass auch er es schaffen kann. Somit sind Formula-Diäten eher Motivationsinstrumente als Ernährungsformen.

1. Steven S, Taylor R. Diabet Med. 2015; 32: 1149–1155; 2. Kempf K et al. J Hum Nutr Diet. 2014; 27 Suppl 2: 21–27 doi: 10.1111/jhn.12145

 

Contra von Professor Dr. Andreas F. H. Pfeiffer, Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke

Formula-Diäten sind nicht erfolgreicher

Obwohl wir mit komplettem Nahrungsersatz durch Formuladiäten mit 600–800 kcal/Tag (VLCD) in acht bis zwölf Wochen Gewichtsverluste um 10–15 kg beobachten,1 nehmen etwa 90 % der Teilnehmer in vier Jahren wieder zu. Das gilt für jegliche Diäten, "langsame gesunde" oder "schnelle".2 Nebenwirkungen sind diffuse Alopezien, Muskelmasseverlust und Konstipation, während Gichtanfälle, Fettsäureprobleme oder Cholelithiasis kaum vorkommen.3 Abbruchgründe sind häufig Geschmacks-Aversionen.

Die angebotenen Produkte unterschlagen das hohe Risiko der Wiederzunahme und die Notwendigkeit einer engen, über Jahre anhaltenden Betreuung – vor allem nach der Abnehmphase. Formuladiäten sind langfristig nicht erfolgreicher als andere Diäten, sodass teure Produkte nicht gerechtfertigt sind.

In der Praxis ist für die Betreuung der Patienten erheblicher Aufwand erforderlich, ohne den die Abbruchraten hoch sind, sodass auch hier die Motivation des Patienten die Hauptsache ist. Formuladiäten haben keine speziellen Vorteile oder Nachteile und die Wahl der Strategie sollte individuell mit dem Patienten abgestimmt werden. 

Kalorienrestriktion ist an sich sehr gesund mit Blutdruck- und Blutfettabfällen sowie verbesserter Insulinsensitivität. Dies geht jedoch mit Ende der Hungerphase weitgehend wieder verloren – trotz reduzierten Gewichts.4 Dann ist die Nahrungsauswahl entscheidend. Daher muss die Hauptanstrengung auf diese Beratung gelegt werden.1,4

1. Larsen TM et al. N Engl J Med. 2010; 363: 2102–2113; 2. Saris WH. Obes Res. 2001; 9 Suppl 4: 295S–301S; 3. Tsai AG et al. Obesity (Silver Spring). 2006; 14: 1283–1293; 4. Gogebakan O et al. Circulation 2011; 124: 2829–2838

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