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Liebling, wir müssen reden

Wie der Diabetes die Partnerschaft belastet

Denn allzu schnell verfallen Paare in ungünstige Kommunikationsmuster, wenn es um den Diabetes geht. Da ist die berechtigte Sorge des Angehörigen um den geliebten Partner, die Angst vor Hypoglykämien oder Folge­erkrankungen. Doch allzu leicht kann diese unterstützend gemeinte Sorge umschlagen in Kontrolle und Bevormundung.

Vorwurfsvolle Kommentare wie "Wieso willst du schon wieder so eine Kalorienbombe essen?" oder "Hast du schon wieder zu spät Insulin gespritzt?" können dazu führen, dass ein Diabetespatient seinem Partner Blutzuckerwerte oder andere Facetten seiner Therapie lieber verschweigt und sich abschottet. "In der Paartherapie nennt man das einen Zwangsprozess", erklärte Dr. Löw, "die Partner geraten in einen Teufelskreis des gegenseitigen Bestrafens."

Ein häufiger Streitpunkt: Hypoglykämien

Als besonders heikel erweist sich in der Praxis der Umgang mit Hypoglykämien. Viele Menschen mit Diabetes zeigen sich bei niedrigen Blutzuckerwerten uneinsichtig, manche werden sogar aggressiv und wehren sich gegen Unterstützung.

Für den Angehörigen kann eine schwere Hypoglykämie ein sehr traumatisierendes Erlebnis sein, das seine Angst steigert, sodass bei den kleinsten Zeichen für eine Unterzuckerung seine Alarmglocken schrillen. Der Umgang mit Grenzsituationen gleicht dann einem Drahtseilakt.

Dr. Löw rät Paaren zu konstruktiven Konfliktgesprächen, in denen sie genau artikulieren, was sie sich in kritischen Momenten voneinander wünschen. "Dabei gelten die allgemeinen Regeln gelungener Kommunikation, sprich: Ich-Botschaften formulieren sowie konkrete Anlässe und konkretes Verhalten ansprechen anstatt zu verallgemeinern", erklärte die Therapeutin.

"Am Ende kann dann die Vereinbarung stehen, dass der Partner im Falle einer Hypo wortlos und ohne Kommentare oder Vorwürfe ein Glas Saft reicht, das der Diabetiker dann ohne Diskussionen austrinkt."

Gegenseitige Empathie kann Türen öffnen

Paare sollten üben, auf gegenseitige Schuldzuweisungen zu verzichten und durch einen Perspektivwechsel mehr Empathie füreinander aufzubringen. "Nicht nur für den Partner mit Diabetes, sondern auch für den anderen. Denn Diabetespatienten müssen sich häufig erst einmal klarmachen, dass die Absicht der helfenden Person gut gemeint ist und auf Sorge basiert", betonte Dr. Löw.

 

Let´s talk about Sex

Noch schwieriger ist es für viele Paare, über sexuelle Störungen infolge des Diabetes offen miteinander zu sprechen. Sexuelle Funktionsstörungen beim Mann seien zwar recht gut erforscht, doch der Zusammenhang zwischen erektiler Dysfunktion und Diabetes sei längst nicht allen Betroffenen bekannt. "Dabei ist fast bei jedem zweiten Mann mit Diabetes die Erektionsfähigkeit beeinträchtigt, sogar bei jungen Männern mit Typ-1-Diabetes zwischen 18 und 35 Jahren liegt die Prävalenz bei 37 %", sagte Dr. Löw. Zum Vergleich: In der altersgleichen Normalbevölkerung liegt die Prävalenz nur bei 6 %.

Noch schlechter ist es um den Kenntnisstand zu sexuellen Funktionsstörungen bei Frauen bestellt – auch in der Wissenschaft. "Das Thema ist bislang kaum erforscht", berichtete Dr. Löw, "meist wird bei Libidoverlust und verringerter Lubrikation allenfalls auf Symptomebene behandelt". Dabei könnten hohe Blutzuckerwerte durchaus mitverantwortlich sein für Wechseljahrsbeschwerden, Depressionen und Selbstwertdefizite und mithin Libidoverlust.

Informationen und Aufklärung sind der erste Schritt, um bei sexuellen Problemen eingefahrene Muster zu durchbrechen. "Ebenso wichtig ist aber auch mehr Zärtlichkeit in Alltagssituationen", sagte die Therapeutin. In der Sexualtherapie greife man auf Konzepte wie "Sensate Focus" oder die "Paartherapie des Begehrens" nach Ulrich Clement zurück, mit deren Hilfe Paare sich schrittweise wieder an die sexuelle Begegnung herantasten können.

10. Diabetes Herbsttagung

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