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Massive Versorgungslücke

DDG und DGE fordern "Sicherstellungsauftrag" für die Diabetologie

Eine der brennenden Fragen ist, wie auch künftig – bei steigenden Erkrankungszahlen – eine gute Versorgung der Diabetespatienten gewährleistet werden kann. Dazu gehört, gravierende Folgen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Durchblutungsstörungen oder Erblinden möglichst zu verhindern oder zumindest hinauszuzögern. Schon jetzt sind hierzulande fast sieben Mio. Menschen an Diabetes erkrankt. Jedes Jahr kommen 270 000 Neuerkrankungen hinzu. Zahlen des Robert Koch-Instituts belegen einen Anstieg seit 1998 um 38 %.

Manko an Lehrstühlen für Diabetologie und Stoffwechsel

"Der Bedarf an gut ausgebildeten Ärzten, Fachkräften in Assistenz- und Pflegeberufen, Psychologen und Wissenschaftlern, die in einer patientenzentrierten Diabetologie tätig sind, wird aufgrund der steigenden Anzahl von Betroffenen weiter spürbar zunehmen", betonte der Mediensprecher der DDG, Professor Dr. Baptist Gallwitz. Zudem erreichten in den nächsten Jahren immer mehr Diabetologen das Ruhestands­alter, sodass eine massive Versorgungslücke entstehe. Als ein weiteres Problem schilderte Prof. Gallwitz, dass der medizinische Nachwuchs auf die Behandlung von Menschen mit Diabetes oft nicht ausreichend vorbereitet ist – "obwohl die interdisziplinären und interprofessionellen Aspekte der Diabetologie wichtige ärztliche Handlungskompetenzen vermitteln helfen".

Die Fachgesellschaften kritisieren, dass es immer weniger klinische Lehrstühle für Diabetologie und Stoffwechsel an den deutschen Universitäten gibt. Nur acht von 33 Medizinischen Fakultäten halten diese Lehrstühle vor. Zudem seien diabetologische Inhalte im Medizinstudium unterrepräsentiert. Hinzu kommt, so Prof. Gallwitz, "dass die Diabetologie als vermeintlich ambulantes Fach zunehmend in den Kliniken nicht mehr vertreten ist, sodass sie auch in der Weiterbildung nicht mehr angemessen vermittelt werden kann".

Ökonomie versus Versorgung

Dass die Diabetologie in den Krankenhäusern immer weniger Beachtung findet, liegt nach Erklärung von Professor Dr. Dirk Müller-Wieland daran, dass die Finanzierung der stationären Versorgung in aller Regel bei begrenzter Bettenzahl und festgelegten Einnahmen pro Diagnose bzw. Ressourcenverbrauch (DRG-System) nicht patienten-, sondern diagnoseorientiert gesteuert ist. "Das heißt: Bei einem Patienten, bei dem viel Technisches gemacht werden kann, hat der Krankenhausträger mehr Einnahmen als bei einem Patienten, der viel Zeit für Zuwendung und chronische Betreuung braucht", so der Präsident der DDG. Fächer mit viel "sprechender Medizin" wie die Diabetologie und die Endokrinologie sind im Nachteil.

Dies bedeute in der Folge mangelnde Versorgung, reduzierte Weiterbildung, verminderte Ausbildung, fehlender Nachwuchs und mangelnde Forschung in der Zukunft, so Prof. Müller-Wieland. Er forderte deshalb, dass der "Sicherstellungsauftrag" einer diabetologischen Versorgung politisch gewährleistet werden muss. Der Gesetzgeber müsse tätig werden.

Verschiedene Modelle zur Unterstützung des Nachwuchses

Die DGE setzt sich ebenfalls für eine nachhaltige Verankerung ihres Fachs ein. Jede Medizinische Fakultät brauche Lehrstühle für Endokrinologie, um die endokrinen Volkskrankheiten, d.h. benigne und maligne Schilddrüsenfunktionsstörungen, Bluthochdruck, Adipositas, Diabetes, hormonell bedingte Stoffwechselstörungen, Osteoporose, und seltene gutartige oder maligne endokrine Erkrankungen kompetent diagnostizieren, behandeln oder durch Vorbeugung verhindern zu können, erklärte Professor Dr. rer. nat. Josef Köhrle, Präsident der DGE.

Als "Erfolgsmodell" bezeichnete er die Arbeitsgemeinschaft YARE ("Young Active Research in Endocrinology") zur Förderung des klinischen und wissenschaftlichen Nachwuchses. Die Initiative unterstützt die Kommunikation und Zusammenarbeit junger Wissenschaftler am Anfang ihrer Karriere. Sie informiert auch über freie Stellen in Klinik, Forschung und Industrie.

Die DDG fördert den Nachwuchs ebenfalls, u.a. durch Stipendien sowie im Rahmen der noch jungen Arbeitsgemeinschaft Nachwuchs in Klinik und Forschung. Ein weiteres Angebot ist die Famulatur-, PJ- und Hospitationsbörse mit Stellenofferten.

Pressekonferenz von DDG und DGE

Das muss sich in der Aus- und Weiterbildung ändern

Prof. Dr. Baptist Gallwitz, Past Präsident der DDG, verwies in der Pressekonferenz auf Forderungen im Positionspapier "Diabetologie 2025":

  • Diabetologie muss im Studium als Querschnittsfach verankert werden. Die DDG setzt sich dafür ein, dass die Diabetologie im Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalog Medizin und im "Masterplan Medizinstudium 2020" besser abgebildet wird.
  • Bund und Länder müssen dafür sorgen, dass die Zahl der Lehrstühle für Diabetologie und Stoffwechsel in der Inneren Medizin und Allgemeinmedizin wieder steigt. Die Diabetologie muss als selbstständige Einheit an großen Krankenhäusern erhalten bleiben und essenzieller Teil der Weiterbildung sein. Voraussetzung dafür ist, dass die sprechende Medizin im DRG-System angemessen abgebildet wird.
  • Der medizinische ärztliche Nachwuchs und die Assistenzberufe, z.B. der Diabetesberater, benötigen attraktive und definierte Karrierewege. Dazu muss die Qualifikation anerkannt und etabliert sein.

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