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Sind Kliniken auf die Diabeteswelle vorbereitet?

Jeder zweite Patient der Uniklinik Tübingen betroffen

Angesichts dieser Daten wird die Frage nach einem routinemäßigen Screening bei Klink­aufnahme und einer Optimierung der Versorgungsstrukturen laut.

Die Prävalenz des Diabetes mellitus bei deutschen Erwachsenen ist laut belastbarer Daten auf 7,2–9 % zu veranschlagen, wobei zusätzlich von einer relevanten Dunkelziffer auszugehen ist. Diese wird auf bis zu 7 % geschätzt. Und die Tendenz ist wegen demografischer Veränderungen und einem nach wie vor verbreiteten risikoträchtigen Lebensstil weiter steigend.

Trotzdem dürfte der festgestellte hohe Diabetes-Anteil im Patientengut einer typischen deutschen Hochleistungsklinik selbst Experten überraschen: Im vierwöchigen Studienzeitraum wurde bei jedem vierten von 3733 Patienten, die in der Uniklinik Tübingen stationär betreut wurden, ein Diabetes festgestellt.

Und bei jedem Zweiten lag ein Prädiabetes oder ein manifester Dia­betes vor. Die erfassten Fälle waren bekannt und/oder wurden bei der im Rahmen der Studie durchgeführten Screeningaktion identifiziert.

Längerer Klinikaufenthalt, mehr Komplikationen

Auch in dieser Studie bestätigte sich, dass die Verweildauer von Diabetes­patienten im Krankenhaus durchschnittlich höher ist als diejenige von Nicht-Diabetespatienten. Unter anderem ist dies der erhöhten Komplikationsgefahr geschuldet.

In der Tübinger Studie traten während der stationären Behandlung bei 197 von 630 Diabetespatienten Komplikationen auf im Vergleich zu 447 komplizierten Verläufen unter den 2459 erfassten Nicht-Diabetespatienten. Das relative Komplikationsrisiko von Menschen mit Diabetes betrug 1,5. In der Kohorte von Patienten mit Diabetes bzw. Prädiabetes wurde im Vergleich zur Kontrollgruppe ein relatives Komplikationsrisiko von 1,24 ermittelt.

Daten werden von weiteren Erhebungen unermauert

Aus anderen Erhebungen ist bekannt, dass Menschen mit Diabetes häufiger stationär eingewiesen werden und dass bei ihnen häufiger eine intensivmedizinische Versorgung erforderlich ist als bei Menschen ohne Diabetes.

Zur Komplikationsrate trägt maßgeblich das nachweislich erhöhte Infektionsrisiko bei und auch mit kardiovaskulären Komplikationen wie Myokardinfarkten muss vermehrt gerechnet werden. Speziell bei intensivmedizinisch betreuten Patienten ist die Unkenntnis einer diabetischen Stoffwechsellage mit einem erhöhten Risiko tödlicher Verläufe verbunden.

Die diabetesassoziierte Morbidität und Mortalität sowie die resultierenden Kosten machen es laut den Autoren dringend erforderlich, die Versorgungsstrukturen für diese Patientengruppe zu optimieren. Patienten über 50 sollten bei Klinikeinweisung obligatorisch gescreent werden, fordern die Autoren.

Die Fakten

Das gezielte HbA1c-Screening allein deckte die Prädiabetesfälle auf, wobei Werte zwischen 5,7 und 6,5 % als Prädiabetes gewertet wurden. Dieses Kriterium erfüllten fast 24 % der Patienten und bei mehr als 22 % lag ein manifester Diabetes vor (HbA1c  größer gleich 6,5 %). Die Prävalenzen in verschiedenen Abteilungen des Klinikums variierten zwischen 5 und 43 % . Neu entdeckt wurde ein Diabetes bei 3,7 % der getesteten Patienten.

Kufeldt J et al. Exp Clin Endocrinol Diabetes 2017; 125: 1–6

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