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Seismograf für Probleme

Planung eines Berliner Diabetes-Netzwerks | Auch PflegehelferInnen für Qualifikationen in Betracht ziehen

Als einer von bundesweit bisher nur wenigen Pflegediensten bereitet sich das Team der Berliner Sozial­station Mobil derzeit darauf vor, als "Diabetes-Schwerpunktpflegedienst" zertifiziert zu werden.

Die Mitarbeiterinnen um Geschäftsführer Dr. Jan Basche betreuen in mehreren Stadtbezirken neben anderen Pflegebedürftigen auch zahlreiche Menschen mit Diabetes mellitus. Die bereits erfolgreich durchgeführte Vorzertifizierung zum Siegel der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), das an die Erfüllung diverser Kriterien gebunden ist (siehe Kasten rechts), machte ein grundsätzliches Problem deutlich.

Bereitschft der Ärzte zur Zusammenarbeit fehlt oft

Vorausgesetzt werden für das Zertifikat sowohl eine kontinuierliche Kooperation zwischen Pflegedienst und Diabetologen als auch ein festes Therapieziel. Allerdings kann die Bereitschaft zu einer derart engen Zusammenarbeit nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Das lässt wichtige Effizienzreserven ungehoben.

Probleme gibt es beispielsweise mit Verordnungen: So werden, wie Dr. Basche erläutert, immer wieder Leistungen verordnet, die – wenn im Einzelfall auch indiziert – nicht im GKV-Leistungskatalog enthalten sind.

"Ärzte verordnen z.B. eine kontinuierliche Blutzuckerkontrolle, obwohl die Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses zur Häus­lichen Krankenpflege eine Blutzuckermessung überhaupt nur für bis zu vier Wochen bei Neueinstellung des Diabetes oder aber bei einer intensivierten Insulintherapie vorsieht", so Dr. Basche.

Strukturelle Kooperationen im Rahmen der Integrierten Versorgung (IV) zwischen Ärzten und Diensten könnten hier zu einem wechselseitigen Kompetenztransfer führen: Für die Praxisteams wäre besser nachvollziehbar, welche Verordnungen sich gegenüber den Krankenkassen überhaupt umsetzen lassen. Und für die Mitarbeiterinnen der Pflegedienste wäre ein Zuwachs an diabetologischer Kompetenz vorprogrammiert.

Konzept an die Krankenkassen zur Prüfung geschickt

Wichtig wären solche Netzwerke, zu denen u.a. auch spezialisierte Kliniken, Beratungsstellen, Podologen und Apotheken gehören, gerade jetzt in Berlin, denn Krankenkassen und Pflegedienste haben sich hier im laufenden Jahr entschieden, wesentliche Teile der Häuslichen Krankenpflege auch für Helferinnen zu öffnen. Hierdurch entsteht in der Breite der Pflege ein ganz neuer Qualifizierungsbedarf.

Vor diesem Hintergrund wurde in der DDG ein IV-Konzept vorgestellt, das mittlerweile den Krankenkassen zur Prüfung vorliegt. Ende des Jahres könnte der offizielle Startschuss für das Projekt fallen. Geplant ist eine integrierte Zusammenarbeit der Akteure, die von der DDG begleitet werden soll.

Versorgungsvertrag der AOK Nordost dient als Vorlage

Dabei gibt es mehrere innovative Aspekte. Standen z.B. bisher in der diabetologischen Versorgung die Pflegefachkräfte im Vordergrund, sollen nun auch Pflegehelferinnen spezialisierte Fortbildungsangebote erhalten. In der häuslichen Versorgung spielen gerade sie eine entscheidende Rolle.

Für die Dia­betologie des Alltags sind sie oft Seismograf und erste oder sogar einzige Ansprechpartner. Anders als Pflegefachkräfte sehen sie während der Körperpflege täglich die Haut der Patienten und damit die Risikosymptome. "Auch Pflegehelferinnen müssen wissen, welche Symptome auf ein diabetologisches Problem hinweisen", so Dr. Basche. 

Kooperation mit Institut soll die Fortbildung sichern

Hier kann auf bereits vorliegende curriculare Angebote zurückgegriffen werden, z.B. vom Institut für Innovatives Gesundheitsmanagement GmbH Berlin (IIGM). Daneben kümmert sich eine Managementgesellschaft um Verträge, Abrechnung, Kommunikationswege und die Einhaltung von Qualitätsstandards.

Als ein Modell für die Idee dient der Berliner Versorgungsvertrag der AOK Nordost zum Diabetischen Fußsyndrom, in dessen Rahmen derzeit 21 Ärzte rund 1500 Versicherte betreuen. Ziel ist dort, durch Vernetzung der beteiligten Hausärzte und Gefäßchirurgen mit den nicht medizinischen Leistungserbringern die Amputationsrate deutlich zu senken.

 

Zertifikat "Diabetes-Schwerpunktpflegedienst"

Ambulante Pflegeeinrichtungen haben die Möglichkeit, sich ihre Fachkompetenz in der Pflege von Menschen mit Diabetes mellitus per Zertifikat bescheinigen zu lassen. Die Zertifizierung bietet die DDG an. Einrichtungen, die sich prüfen lassen wollen, müssen nach den durch das Institut für Innovatives Gesundheitsmanagement (IIGM) entwickelten und durch die DDG anerkannten Kriterien arbeiten und ein entsprechendes Diabetes-Pflegequalitätsmanagement umsetzen.

Das beinhaltet u.a.:

  • Anwendung diabetesspezifischer Standards und Dokumentation entsprechend den Vorgaben (siehe Fortbildung Diabetes-Pflegefachkraft DDG – Langzeit);
  • mindestens halbjährliche Besprechung der Versorgungssituation und des Therapieerfolges jedes Diabetes-Patienten unter Einbeziehung relevanter Leistungserbringer (z. B. Arzt, Podologe);
  • mindestens zwei Diabetes-Pflegefachkräfte DDG (Langzeit) – mit aktuellem Zertifikat – müssen in der Einrichtung beschäftigt sein;
  • alle MitarbeiterInnen mit Patientenkontakt verfügen über Diabetes-Grundwissen (aktuelle Schulungsnachweise intern oder extern mindestens halbjährlich);
  • Angebot einer regelmäßigen diabetologischen Pflegeberatung als Einzelberatung;
  • Kooperationsvereinbarungen mit mind. einem Diabetologen DDG, einem Podologen (o. med. Fußpflegeeinrichtung) und einem Wundmanager (wenn kein einrichtungsinterner Wundmanager existiert);
  • festes Kooperationsziel der Therapieoptimierung von Pflegedienst und betreuenden Ärzten.

Ansprechpartner in der DDG: Klaus-Dieter Jannaschk Tel.: 030 / 3 11 69 37 16, E-Mail: jannaschk@ddg.info

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