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"Es ist wichtig, darüber zu reden"

Sexualstörungen bei Diabetes offen thematisieren, um Lösungswege zu finden

Sexualstörungen werden häufig als ein sehr männliches Pro­blem abgestempelt. Doch das ist weit gefehlt, auch Frauen können davon betroffen sein, betonte die Diabetesberaterin Dr. Astrid Tombek vom Diabetes Zentrum Mergentheim. "Insbesondere Frauen mit Diabetes!"

Nach einer Auswertung der DCCT-Daten haben 26 % der Diabetespatientinnen eine sexuelle Dysfunktion. Andere Analysen beziffern die Prävalenz sogar mit über 40 % bei Frauen mit Typ-2-Diabetes und mehr als 70 % bei Typ-1-Diabetes. Häufig steht dabei der Libidoverlust im Vordergrund.

Seelische Einstellung zum Diabetes maßgeblich

Aber welchen Einfluss hat die Diabetes­erkrankung auf die weibliche Sexualität? Zum einen sind die Funktionsstörungen eine klare Folge von diabetischer Neuropathie und Angiopathie. Zum anderen spielt aber auch die seelische Einstellung zum Diabetes eine maßgebliche Rolle, erklärte Dr. Tombek. Wichtig ist es, sexuelle Dysfunktionen wie Libidoverlust, Lubrikationsstörungen, Dyspareunie, Vaginismus, Orgasmusstörungen oder urogentiale Infektionen in Diabetesschulungen zu thematisieren – um eine passende Therapie bestimmen zu können.

"Fragen Sie Ihre Patientinnen", ermunterte die Kollegin. Zum Beispiel anhand des evaluierten interaktiven Fragebogen STEFFI vom Informationszentrum für Sexualität und Gesundheit e.V. (www.isg-info.de/?id=185).

Diagnostik und Therapie als fester Bestandteil der Betreuung

Professor Dr. Thomas Haak, Diabetes Zentrum Mergentheim, plädierte ebenfalls dafür, dass Diagnostik und Therapie von Sexualstörungen fester Bestandteil der Betreuung von Diabetespatienten werden sollten und im Arztgespräch thematisiert werden müssen. "In Kliniken ist diese Komplikation sogar schweregradsteigernd im Rahmen des DRG", erinnerte der Kollege.

Es kommt auf die Art der Dysfunktion an

Die Behandlungsoptionen richten sich nach der Art der vorliegenden Funktionsstörung. Prof. Haak gab zunächst einen Überblick zu den weiblichen Sexualstörungen.

Lubrikationsstörungen und Dyspar­eunien gehören zu den häufigsten Folgekomplikationen bei Diabetes. Sie umfassen eine gestörte klitorale Erektion, Libidoverlust, Unerregbarkeit, Anorgasmie sowie Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Therapeutisch sind Gleitgele oder Beckenbodengymnastik eine Option.

Es gibt jedoch auch elektromedizinische Interventionsmöglichkeiten, um die Beckenbodenmuskulatur zu stärken, die weibliche Sensibilität zu verstärken und die Lubrikation zu verbessern. "Die Firma Lancy Elektromedizin (www.lancy-elektromedizin.de) bietet solche Stimulatoren an", so Prof. Haak. Diese sind verordnungsfähig auf Hilfsmittelrezept.

Einfache Tipps gegen Blasenentzündungen

Eine Vulvodynie äußert sich durch Missempfindungen im Vulvabereich wie Brennen, Schmerzen oder Juckreiz. "Leider handelt es sich um ein schlecht zu therapierendes Problem", sagte der Referent. NSAR und Opio­ide sind in diesem Fall unwirksam. Teilweise können Verbesserungen mit analgesierenden Antidepressiva oder Antikonvulsiva erzielt werden – wenn Depressionen das zentrale Problem sind.

Die Rate an Genitalinfektionen ist bei Diabetes mellitus deutlich erhöht – insbesondere bei Frauen und auch wenn der Blutzucker schlecht eingestellt ist. Die häufigste Form ist die Blasenentzündung. Um wiederkehrenden Urogenitalinfektionen vorzubeugen, empfiehlt Prof. Haak gründliches Händewaschen und -abtrocknen sowie Seifen auf Tensidbasis.

Zudem sollten hautschonende, rückfettende Badezusätze eingesetzt und auf antiseptische Substanzen verzichtet werden. Die Vulva kann mit Babyöltüchern gereinigt werden. "Häufige Rezidive sind ein Fall für den Urologen bzw. Gynäkologen!", betonte der Kollege.

Und wie sieht es bei männlichen Diabetespatienten aus?

Fast die Hälfte der Männer mit Typ-2-Diabetes sind von Sexualfunktionsstörungen betroffen, allem voran steht die erektile Dysfunktion, so Prof. Haak. Das Risiko ist um das 3,6-Fache erhöht. Insgesamt handelt sich dabei um die dritthäufigste Komplikation bei Diabetes. Die Lebensqualität der Betroffenen wird dadurch stark beeinträchtigt. Ursache sind vaskuläre und neuronale Prozesse. Auch bei Männern gilt es, u.a. psychische Probleme und Partnerschaftkonflikte als Ursache auszuschließen.

Medikamentös bietet sich eine Behandlung mit Phosphodiesterase-5-Inhibitoren an. "Sie müssen individuell entscheiden, welcher Wirkstoff gut für ihren Patienten ist", sagte Prof. Haak. Eine weitere Option ist die Schwellkörper-Autoinjektionstherapie (SKAT) mit Pro­staglandin-E1. "Hierfür ist allerdings eine gewisse Expertise notwendig", warnte der Kollege.

"Wenn gar nichts mehr funktioniert, kommt eine Penisprothese infrage." Der Eingriff ist allerdings nicht mehr umkehrbar und der Umgang mit der Prothese muss trainiert werden. Als "durchaus eine Alternative" stellte Prof. Haak beispielhaft  für moderne Vakuumpumpen das Active Erection System (Lancy Elektromedizin) vor.

Erektile Dysfunktion – wie spreche ich es an?

Dr. Frank Merfort, Schwerpunktpraxis Grevenbroich, gab Tipps, wie der Arzt mit Kommunikationsbrücken die Thematisierung der erektilen Dysfunktion für den Patienten erleichtern kann. "Setzen Sie gut sichtbare Gesprächsanker im Wartezimmer, Untersuchungsraum oder auf Ihrem Schreibtisch. Hierzu eignen sich Poster, ED-Patientenbroschüren oder ED-Wandkalender."

Beispiele für Einstiegsfragen sind:

  • Hat sich ihr Sexualleben in letzter Zeit verändert?
  • Haben Sie Sorgen in sexueller Hinsicht?
  • Ist in der Liebe alles im grünen Bereich?

"Zudem sollten Sie für ein ausführliches Gespräch immer auch die Partnerin ihres Patienten mit einbestellen", riet der Kollege.

Der Rat der Psychologin

Die Fachpsychologin DDG Susan Clever von der Diabetespraxis Hamburg-Blankenese hat gute Erfahrungen damit gemacht, sexuelle Probleme in der Gruppenschulung – selbst in gemischten Kursen – als mögliche Folgeerkrankung des Diabetes zu thematisieren. Allerdings gab sie zu bedenken, dass nach diesen Gesprächen häufig ein Nocebo-Effekt bei den Betroffenen auftritt: "Keine Sorge, dann können Sie Ihre Patienten beruhigen, das ist nur vorübergehend!" Sie riet außerdem dazu, den Patienten möglichst einfache Verhütungsmethoden zu empfehlen: "Bedenken Sie, was ein Mensch mit Diabetes alles tun muss vor dem Sex: Blutzucker messen, nachdenken, rechnen, eventuell was essen, Pumpe ablegen, gegebenenfalls Zystitisprophylaxe einnehmen, Verhütung, Gleitgel usw. ... da ist es schwer, die Stimmung aufrechtzuerhalten." Da Depressionen und Stress die Funktionsstörungen verstärken können, ist es wichtig, den Patienten zu helfen, den Druck von den eigenen Schultern zu nehmen. Denn ein Vermeidungsverhalten kann zur Chronifizierung führen. "Erinnern Sie Ihre Patienten daran: Sex darf und wird im Normalfall – abhängig von vielen Faktoren – unterschiedlich gut sein", so die Expertin.

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