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Eine Steuer soll es richten

Bei Zucker-, Fett- und Salzreduktion wird der Industrie nicht recht vertraut

Der Vorstandsvorsitzende des AOK-BundesverbandesMartin Litsch verwies auf steigende Raten bei Übergewicht und Adipositas. Mittlerweile seien jeder zweite Erwachsene und jedes fünfte Kind übergewichtig. Tendenz steigend und verbunden mit dem Risiko, Diabetes, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu entwickeln.

"Ernährungsbedingte Krankheiten verursachen in Deutschland Kosten von rund 70 Mrd. Euro", so Litsch. Er verwies auf den steigenden Zuckerkonsum, der inzwischen jährlich bei 32 Kilo und Person – das entspricht 22 Teelöffel Zucker pro Tag – liegt.

Prävention und Information wirken nicht ausreichend

Er kritisierte wie auch viele andere Referenten, dass die Politik nicht genügend unternimmt, um dem Problem Herr zu werden. Es brauche aber "politischen Rückenwind", da jegliche Prävention und Gesundheitsinformation von der profitorientierten Lebensmittelindustrie konterkariert werde.

Selbstverpflichtungen der Industrie zur Zuckerreduktion und zum Verzicht von Kindermarketing für Produkte mit zu hohem Zucker-, Salz- und Fettgehalt bringen aus seiner Sicht nichts. Unzufrieden zeigte sich der AOK-Chef auch mit dem von Bundesernährungsminister verspätet vorgelegten Entwurf einer Nationalen Strategie für die Reduktion von Zucker, Fetten und Salz in Fertigprodukten. Mit der Bundestagswahl würden die Karten schließlich neu gemischt.

Zwar hält Litsch die verankerten Regelungen zur Zuckerreduktion in Erfrischungsgetränken, Frühstückscerealien, Joghurt- und Quarkzubereitungen sowie Tiefkühlpizzen für gute Ansätze. Er sieht aber nicht, dass sie auf freiwilliger Basis von den Herstellern umgesetzt werden. Offenbar sei der Minister vor der Industrie eingeknickt.

Politik muss Grenzwerte für Zucker, Salz und Fett definieren

Es ist eine Kritik, die auch von anderen Seiten geäußert wurde – in der Hoffnung, dass die nächste Regierung den Bereich Ernährung dem Gesundheitsministerium zuordnet, welches auch die Auswirkungen ungesunder Lebensweisen im Blick hat.

Wie Dr. Dietrich Garlichs, Sprecher der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK), erklärte, liegen allein die Kosten der Behandlung von Diabetes und dessen Folgen bei 35 Mrd. Euro jährlich. „Offensichtlich haben alle bisherigen Maßnahmen nicht gewirkt!“

Ein neuer Ansatz, ein neues Denken sei erforderlich, da Information und Aufklärung vor allem bei den sozial schwachen Gruppen und Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz nicht ankomme. Die Veränderung von Rezepturen in Fertigprodukten findet er wichtig, allerdings dürfe damit nicht eine höhere Energiedichte verbunden sein. Alle Hersteller müssten mitziehen und die Politik müsse Grenzwerte für Zucker, Salz und Fett definieren.

Ein für alle verständliches Ampelsystem

Zugleich forderte er flankierend die "Kennzeichnung aller Lebensmittel durch ein für alle Bevölkerungsgruppen verständliches Ampelsystem". Und wenn nichts helfe, dann müsse eben eine Zuckersteuer kommen, als starker Anreiz für die Industrie.

Der ehemalige Geschäftsführer der DDG brachte damit zahlreiche Forderungen in der Veranstaltung auf den Punkt. Auch die in der Diskussionsrunde anwesenden Bundestagsabgeordneten Elvira Drobinski-Weiß (SPD), Dietrich Monstadt (CDU) und Kordula Schulz-Asche (Grüne) bezweifeln, dass Freiwilligkeit etwas bringt.

Läuft es nicht, muss der Gesetzgeber aktiv werden. "Wir sind erst am Beginn eines Weges", so Monstadt. Ob ein gesetzlicher Druck auf die Industrie allerdings auch von der Mehrheit der Parlamentarier als notwendig erachtet werden wird, muss sich noch zeigen.

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