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"Wir brauchen ein kompetenzorientiertes Versorgungskonzept"

Die Weiterentwicklung der Diabetologie durch inhaltliche Expertise und Qualität

Die DDG beschäftigt sich intensiv mit neuen Versorgungskonzepten: Wo stehen Sie?

Professor Dr. Dirk Müller-Wieland: Die Gestaltung eines "Diabetologen DDG" war ein Meilenstein und hat fraglos stationär wie ambulant zu einer deutlichen Verbesserung der flächendeckenden Versorgung von Patienten mit Diabetes geführt. Dies hat die Akzeptanz der Diabetologie bei Patienten, Kos­tenträgern und Politik gesteigert.

Entscheidende Elemente waren das Formulieren und Zertifizieren von Strukturqualitäten für ambulante und stationäre Versorger durch die DDG, Weiterbildungsangebote mit hoher Qualität für nicht-ärztliches Diabetes-Fachpersonal wie Diabetesberater/innen und Diabetesassistent/innen sowie die Überzeugung, dass wir gemeinsam hierdurch die Qualität der Versorgung verbessern.

Gerade die Zertifikate der DDG sind ein Aushängeschild. Und doch bedarf es einer Neujustierung?

Prof. Müller-Wieland: Neue Zeiten, neue Überzeugungen, neue Anforderungen. Das Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen erwartet neben Strukturqualität mehr Prozess- und Ergebnisqualität. Das IQWiG, der G-BA und die Politik wünschen sich eine bedarfsorientierte Gesundheitsplanung. Die Ärzteschaft möchte wissen, wie und warum Schnittstellen zwischen den Versorgungsebenen und Spezialexpertisen benutzt werden. Das Ärztliche Zen­trum für Qualität in der Medizin will eine leitlinienbasierte, überprüfbare Patientenversorgung. Patient und Arzt möchten direkt beim Kontakt den verfügbaren Wissensstand bedienerfreundlich zur Hand haben.

Die Diabetologie kann sich nur durch inhaltliche Expertise und Qualität weiterentwickeln. Dies sollte unabhängig von tagespolitischen oder gesetzgeberischen Entscheidungen erfolgen. Daher sollte sie nicht allein auf konsentierten Strukturmerkmalen bestehen, denn diese Akzeptanz kann sich schnell ändern. Diabetologen DDG und auch die nicht-ärztlichen diabetesbezogenen Fachberufe brauchen eine besser verankerte kammerrechtliche Anerkennung, denn damit sind juristische Verantwortlichkeiten sowie Vergütungen klarer geregelt. Die Verantwortlichkeit sollte in der Diabetologie kompetenzbasiert und -orientiert sein, also sich daran ausrichten, wie gut ein Patient mit einem spezifischen Problem versorgt werden kann, und sich nicht ausschließlich daran orientieren, was man einmal gelernt hat. Last but not least brauchen wir inhaltlich getriebene Entwicklungsvielfalt und Flexibilität.

Was genau will die DDG bei ihrem Zertifizierungssystem mittel- bis langfristig überarbeiten?

Prof. Müller-Wieland: Wir brauchen ein kompetenzorientiertes Versorgungskonzept. Dies muss für den Patienten verständlich sein, transsektoral gedacht und modulbezogen den individuellen Expertisen der Behandler gerecht werden. Die Zertifikate der DDG werden sich auf spezielle Module hin weiterentwickeln, wie Diabetes und Niere, Diabetes und Schwangerschaft und so weiter. Hier wird zusätzliche Kompetenz sichtbar angeboten und zertifiziert.

Was bedeutet das für die Krankenhäuser und Praxen?

Prof. Müller-Wieland: Das Bild wird bunter. Spezialangebote richten sich nach Kompetenz sowie Erfahrung und nicht allein nach Struktur. Hierzu gehören auch Prozess- und Ergebnisqualität.

Welche Hürden sind zu nehmen?

Prof. Müller-Wieland: Es müssen alle Beteiligten hierfür gewonnen und die Inhalte spezifiziert werden. Daran arbeitet der Ausschuss Qualitätssicherung, Schulung und Weiterbildung der DDG dankenswerterweise schon sehr intensiv.

Sehen Sie Zertifizierung, Versorgungskonzeption und Digitalisierung in einem Zusammenhang?

Prof. Müller-Wieland: Ja. Es geht darum, wie wir Medizin und ärztliche Fürsorge in Zukunft mithilfe neuer Technologien betreiben wollen. Dabei hilft es nicht, unsere "analoge Welt" technisch oder elektronisch zu übersetzen, sondern neue Möglichkeiten müssen abgesteckt werden.

Woran denken Sie dabei?

Prof. Müller-Wieland: Zum Beispiel an einen Datenpool, den Patienten, Ärzte und Forscher – mit unterschiedlichen Zugriffs- und Verwendungsrechten – nutzen können. In den Pool werden klinische Daten aus dem stationären und dem ambulanten Sektor, aus Präventions- und klinischen Forschungsprogrammen eingespeist. Zudem können neue computerassistierte Fragebögen zu patientenbezogenen Endpunkten in die Versorgung mit aufgenommen werden. Die Daten müssen in einer Struktur und Qualität abgelegt werden, die eine problemlose Lesbarkeit ermöglichen. Die sogenannten Akten stellen die inhaltliche medizinische Qualität der erhobenen Daten, also den medizinischen Standard, sicher, beispielsweise durch eine wissenschaftliche Fachgesellschaft.

Kann man da noch z.B. zwischen Selbstkontrolle, Point-of-Care-Testing und Labor unterscheiden?

Prof. Müller-Wieland: Die Datenstruktur macht es möglich, dass die Herkunft und das Erhebungsverfahren eines Messwerts, zum Beispiel Glukose – Urin oder Blut, Selbstkontrolle versus Labor, inklusive Gerät –, erkennbar sind. Es können Differenzialdiagnosen, medizinische Empfehlungen und Leitlinien bei kritischen Punkten hinterlegt werden, zum Beispiel geht ein Fenster automatisch bei einem bestimmten RR-Wert auf, sodass eine sofortige Handlungsempfehlung für den Patienten vorliegt, die regelmäßig aktualisiert werden kann. Die "aufbereitete" Evidenz beziehungsweise wissenschaftliche Literatur ist direkt verfügbar.

Was unterscheidet dann etwa einen Pneumologen vom Diabetologen: Sieht er dieselben Daten oder braucht er andere Zugänge?

Prof. Müller-Wieland: Da es ein Datenpool ist, kann jeder Spezialist zugreifen. Man merkt es nicht. Die sogenannte eDiabetes-Akte DDG definiert, welche Daten wie hinterlegt sind und greift mit dem "Diabetes-Spotlight" auf den Datenpool zu.

Was folgt daraus?

Prof. Müller-Wieland: Wir können dann aktuell analysieren, wie Prozesse ablaufen und ob sie mit sinnvollen Ergebnissen verbunden sind. Wir erhalten damit automatisch einen Versorgungsmonitor der Diabetologie sowie ein umfassendes nationales Diabetesregister. Es wird im Moment sehr viel Geld in die Etablierung großer Gesundheits- und Krankheitskohorten gesteckt. Vielleicht wäre es auch sinnvoll – und wahrscheinlich deutlich günstiger – die skizzierten digitalen Entwicklungen durch öffentliche Gelder zu stimulieren.

Was unterscheidet dieses Konzept von den vielen Angeboten, über die derzeit geredet wird?

Prof. Müller-Wieland: Wir wollen keine separaten digitalen Akten, wie sie einige Kostenträger und Anbieter propagieren. Das ist analoge Welt elektronisch gedacht, mit dem Ziel, durch ein "einzigartiges" Angebot – aber geschlossenes System – einen Wettbewerbsvorteil zu erhaschen. Wir denken an offene Plattformen, die unterschiedlich genutzt werden können; hier ist die Entwicklung bei den Smartphones ein gutes Beispiel.

Welche Perspektiven ergeben sich für Prävention und Forschung?

Prof. Müller-Wieland: Durch Analysen von Datenmustern werden neue Zusammenhänge, Subgruppen, klinische Verläufe und Therapieansätze erkennbar. Prädiktive Modelle werden sehr gut Risikoindividuen frühzeitig und präzise erkennen. Die Rate von Menschen, die ganz besonders von einer Therapie- beziehungsweise Interventionsstrategie profitieren, wird deutlich besser und damit effizienter werden.

Was heißt das für die Politik?

Prof. Müller-Wieland: Diese Datenschätze ermöglichen erstmals eine wirklich bedarfs- und ergebnis­orientierte Steuerung zum Wohle der Betroffenen und der Solidargemeinschaft.

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