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"Der Kongress bietet die ideale Plattform"

Interview mit den Tagungspräsidenten des Diabetes Kongresses 2017

Der Diabetes Kongress 2017 macht einen Abstecher von der Haupt- in die Hansestadt. Was hat Hamburg, was Berlin nicht hat?

Professor Dr. Annette Schürmann: Dass wir uns in diesem Jahr in Hamburg treffen, liegt am Evangelischen Kirchentag, der zeitgleich im City Cube in Berlin stattfindet. Diese Ausnahme bietet den Kongressbesuchern die Möglichkeit, eine der schönsten Städte im Norden Deutschlands zu besuchen, vor oder nach dem Kongress eine Hafenrundfahrt zu unternehmen oder ein Großbauprojekt zu bewundern, das tatsächlich – wenn auch mit Verzögerungen – fertiggestellt wurde.

Welche Neuerungen im Programm erwarten die Kongressbesucher im Vergleich zum Vorjahr?

Professor Dr. Dirk Müller-Wieland: Als neue Formate finden praxisnahe Tipps & Tricks- sowie Fall-Sessions statt, die neben den klassischen Symposien und Workshops eine gute Möglichkeit bieten, sich mit Kollegen und Experten bezüglich konkreter Fragen und Problemstellungen auszutauschen. Darüber hinaus sind eine Reihe von Symposien zusammen mit anderen Disziplinen und Fachgesellschaften, z.B. den Endokrinologen, Kardiologen, Pneumologen oder der Adipositasgesellschaft, geplant worden.

Prof. Schürmann: Neu ist auch, dass in den meisten Symposien neben Übersichtsvorträgen renommierter Experten Kurzvorträge von jüngeren Ärzten und Wissenschaftlern gehalten werden, wodurch deren Arbeiten noch besser wahrgenommen werden. Zudem findet außer dem inzwischen gut etablierten Mentoren-Programm für 150 Stipendiaten erstmals der Nachwuchstag statt. Experten bieten Hintergrundinformationen zu den Diabetesformen, der Pathophysiologie und Behandlung und informieren zu Karrieremöglichkeiten in Praxis und Klinik.

Sie haben die Kongresspräsidentschaft aus einem traurigen Anlass übernommen, dem plötzlichen Tod Ihres Kollegen Prof. Dr. Stephan Matthaei im letzten Jahr. Sind Sie zuversichtlich, dass Sie die Planung des Diabetes Kongress 2017 in seinem Sinne fortführen konnten?

Prof. Schürmann: Es war natürlich äußerst bedauerlich, dass wir aus diesem Grund die Kongresspräsidentschaft übernommen haben. Wir waren sehr bemüht, die Planungen in Stephan Matthaeis Sinn durchzuführen und an seine Vorbereitungen anzuknüpfen. So hatte er sich schon früh um das Rahmenprogramm gekümmert, also das Eröffnungskonzert in der Laeiszhalle mit dem Festvortrag von Prof. Altenmüller, oder die DDG Night auf der Cap San Diego am Hamburger Hafen geplant.

Prof. Müller-Wieland: Auch das Programmkomitee hatte Prof. Matthaei bereits zusammengestellt, sodass wir gemeinsam mit den Kollegen und Kolleginnen das aktuelle Programm gestaltet haben, in dem alle wichtigen Aspekte des Diabetes, also die Forschung, Klinik sowie die Behandlung und Versorgung der Patienten berücksichtigt werden. Wir, die alle Prof Matthaei beruflich und persönlich gut kannten, sind uns sicher, dass das Programm sich in seinem Sinne entwickelt hat.

Auch das Motto "Fortschritt für unsere Patienten" stammt von Prof. Matthaei – was steckt dahinter?

Prof. Müller-Wieland: Alle Aktivitäten, egal ob klinische Studien, die Grundlagenforschung oder die Arbeiten der AGs der DDG, die auf der Tagung vorgestellt werden, verfolgen das Ziel, die Entstehung des Diabetes zu verzögern bzw. die Erkrankung besser behandeln zu können und damit erträglicher zu machen, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Der Kongress bietet die ideale Plattform, um sich über die aktuellsten Entwicklungen und Erkenntnisse auszutauschen sowie neue Ideen zu generieren.

Eines der drei Kernthemen des Kongresses ist die Translationale Forschung. Die Diabetologie hat in diesem Bereich in den letzten Jahren einen deutlichen Schub erlebt. Wo kann die Reise noch hingehen?

Prof. Schürmann: Wir denken, dass sich unter anderem durch die Gründung des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung, dem eine internationale Vorbildfunktion für die Integration von Grundlagen- und klinischer Forschung attestiert wird, die Translationale Forschung verbessert hat. Das Ziel ist hier, über integrative Forschungsansätze maßgeschneiderte Lösungen für die Prävention, Diagnose und Therapie des Diabetes zu finden. So wird z.B. nach spezifischen Biomarkern gesucht, die früh zwischen den Subtypen der Erkrankungen zu unterscheiden erlauben oder erkennen lassen, welche Patienten von welcher Intervention profitieren. Ein anderes Beispiel ist ein groß angelegter Screen von Kindern nach Autoantikörpern, die die Diagnose eines Typ-1-Diabetes in einem sehr frühen Stadium erlauben.

Prof. Müller-Wieland: Explizit zum Thema Translationale Forschung bieten wir ein Symposium mit dem Titel "Diabetesepidemie: Trendwende durch Translationale Forschung" an, in dem neben Vorträgen eine moderierte Diskussion mit Fachleuten stattfindet, die gerne diverse Fragen der Besucher beantworten.

Gibt es bestimmte Tagungs-Themen, die Ihnen besonders am Herzen liegen?

Prof. Müller-Wieland: Da unser Gesundheitswesen zunehmend von betriebswirtschaftlichen Aspekten abhängt und die Gefahr droht, dass die Versorgungsqualität für Patienten mit Diabetes leidet und die "sprechende" Medizin mehr und mehr an Bedeutung verliert, liegen uns die Diskussionen zum Thema Ökonomisierung in der Medizin sehr am Herzen. Auch die Veranstaltungen, die sich mit Diabetestechnologien befassen, Neuentwicklungen vorstellen, dabei den Faktor Mensch einbeziehen oder Informationen zu Apps liefern, sind hochaktuell.

Prof. Schürmann: Da die Fettleber für die Insulinresistenz und den Typ-2-Diabetes eine ganz zentrale Rolle spielt, freuen wir uns auch sehr auf das Symposium "Development and treatment of NAFLD", für das wir einen renommierten Gast aus den USA, Prof. Dr. Kenneth Cusi gewinnen konnten.

Thema Nachwuchs: Welche Veranstaltungen sind besonders interessant für jüngere Wissenschaftler und Ärzte?

Prof. Schürmann: Für Studenten bieten wir in diesem Jahr wie erwähnt den "Nachwuchstag" an. Außerdem haben sich mehr als 210 junge Menschen aus den Fachbereichen Medizin, Psychologie und Naturwissenschaften für ein Reisestipendium beworben, von denen ein Gutachterteam die 150 besten Bewerber ausgewählt hat. Für diese wurde ein Mentoring-Programm erstellt, das u.a. Hintergrundinformationen zu den molekularen Pathomechanismen des Diabetes liefert, Ergebnisse zur Behandlung mit SGLT2-Inhibitoren vorstellt, aber auch Tipps für erfolgreiches Publizieren gibt.

Prof. Müller-Wieland: Für die jüngeren Ärzte sind zudem neben den Fallbeschreibungen auch die Aktivitäten der verschiedenen AGs der DDG interessant, wie die "Pharmakotherapie des Diabetes", "Ernährung" oder "Geriatrie und Pflege", um nur einige zu nennen. Gerne können sie hier in Zukunft auch aktiv mitarbeiten. Den Doktoranden und jüngeren Wissenschaftlern empfehlen wir den Besuch einiger Symposien, die im Creutzfeldt-Saal stattfinden und sich mit der Genetik und Epigenetik des Diabetes, der Signaltransduktion von Fettsäurederivaten und Sphingolipiden, der endokrinen Dysfunktionen bei Adipositas und dem Einfluss der zirkadianen Rhythmik und der Schichtarbeit auf den Diabetes befassen.

Herr Prof. Müller-Wieland, Sie übernehmen in diesem Jahr nicht nur die Tagungspräsidentschaft, sondern treten gleichzeitig auch ihr Amt als Präsident der DDG an. Steht ihr Motto dafür auch schon fest?

Prof. Müller-Wieland: Diabetologie gemeinsam gestalten! Unter diesem Motto werden wir die vielen Aktivitäten aller Berufsgruppen zusammen mit den Betroffenen zur Optimierung der Versorgung, Forschung, Prävention und politischen Mitgestaltung auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene weiter intensiv vorantreiben. Hierzu gibt es bereits u.a. einen gemeinsamen Handlungsplan, genannt "Diabetologie 2025".
Zudem muss und wird die Deutsche Diabetes Gesellschaft sich bei dem politischen, ökonomischen und technischen Wandel im Gesundheitswesen mit dem Selbstverständnis einbringen, dass die wissenschaftliche Fachgesellschaft den "medizinischen Standard" definiert. Eine spannende Herausforderung und große Chance für die künftige aktive interdisziplinäre Gestaltung der Diabetologie von der Forschung bis zur Versorgung wird das Thema "Digitalisierung".

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