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Testlauf für die Telemedizin in Schleswig-Holstein

Virtuelle Diabetesambulanz für Kinder

Am 1. Juli 2017 soll das Projekt starten. 240 Kinder und Jugendliche mit Diabetes Typ 1 – etwa ein Fünftel der Betroffenen im Land – wird daran teilnehmen können. An der Versorgung beteiligt sind die Klinik für Kinder und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein in Lübeck und Kiel sowie das Städtische Krankenhaus Kiel. Die Evaluation wird vom Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Universität Lübeck übernommen. Konsortialpartner ist die AOK Nordwest.

Weitere Krankenkassen sollen noch gewonnen werden, damit auch deren junge Versicherte das Angebot nutzen können, berichtet Dr. Simone von Sengbusch. Die Oberärztin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Lübeck, stellte beim Innovationsfonds den Förderantrag für das Projekt. Sie wird daran aktiv als Ärztliche Projektleiterin sowie Telemedizinärztin mitarbeiten.

"Man muss das alles miterleben", sagt sie begeistert. Gerade die Diabetologie, wo moderne Hilfsmittel dem Kind, seinen Eltern und dem behandelnden Arzt "Berge an Daten" liefern können, die es auszuwerten und in motivierende Unterstützung für den Patienten umzuwandeln gilt, bietet sich für die Telemedizin an, ist die Kinder- und Jugendärztin überzeugt. Damit meint sie jene Form der Telemedizin, die sich der Beratung bzw. dem Coaching von Patienten widmet.

Das ist auch der Kern der virtuellen Diabetesambulanz. Sie ergänzt die Kinderdiabetesambulanz vor Ort, wo die regulären, quartalsweisen Termine erfolgen. Für die Projektteilnehmer und ihre Familien besteht die Möglichkeit, über ein Online-Beratungsportal einmal im Monat einen zusätzlichen Termin mit einem Kinderdiabetologen wahrzunehmen.

Es gibt mehrere Möglichkeiten der Konsultation, etwa per Telefon und E-Mail oder über ein Arzt-Video-Portal. Beispiel: Der Patient klagt über Probleme mit der Insulinpumpe – und hält sie für Ratschläge einfach vor die Kamera. Oder er überträgt Daten an die Ambulanz und bekommt einen Kommentar (pdf-Datei) zurück; es wird ein Termin für eine telefonische Besprechung vereinbart. Der Patient darf sich den Weg aussuchen.

Wichtig ist dabei, so Dr. von Sengbusch, dass sichere, also verschlüsselte Übertragungswege genutzt werden. Das wird auch ein möglicher Erkenntnisgewinn des Projekts sein: Werden die technischen Hürden von den Anwendern akzeptiert?

Wie nutzen die Patienten das telemedizinische Angebot?

Es werden ferner zwei Gruppen verglichen: Kinder und Jugendliche, die sofort geschult und telemedizinisch betreut werden, sowie Kinder und Jugendliche, die nach der Schulung erst mit einer Verzögerung von sechs Monaten die telemedizinische Unterstützung erhalten.

Für die Patienten endet die Projektteilnahme regulär nach zwölf Monaten. Sie können aber auf Wunsch weitermachen – im monatlichen Rhythmus oder nach persönlichem Bedarf. Auch aus diesem Verhalten wollen die Wissenschaftler Rückschlüsse ziehen.

Die Hoffnung der Projektbeteiligten ist natürlich, dass sich durch die intensivere Betreuung der Patienten Verbesserungen bei der Stoffwechsellage feststellen lassen. Es klingt plausibel: Für die Patienten und ihre Angehörigen entfällt dank der elek-tronischen Medien der Aufwand der An- und Abfahrt zur Diabetesambulanz; Termine können abends oder am Wochenende von Zuhause wahrgenommen werden. Der dreimal häufigere virtuelle Arzt-Patienten-Kontakt liefert zudem bessere Analysen der Funktionswerte und mehr Motivationsunterstützung.

Für das Projekt werden zusätzliche Stellen für diabetologisch qualifizierte Ärzte, Diabetesberaterinnen und Verwaltungsmitarbeiter geschaffen. Wie viele das sein werden, konnte Dr. von Sengbusch im März nicht sagen. Noch lag ihr der abschließende Förderbescheid des Innovationsausschusses nicht vor.

20 Seiten Antrag auf Förderung plus detaillierte Anlagen

Wie bei anderen Projekten hatte das Gremium zunächst mit Kürzungsvorschlägen reagiert – die detailliert und nachvollziehbar vorgetragen wurden, wie die Ärztin berichtet. Das Ausfüllen des 20-seitigen Antragsformulars und der diversen Anlagen, in denen z.B. genaue Aufstellungen, Kostenvoranschläge und mit Unterschriften beglaubigte Aussagen verlangt werden, hat – nebenbei zur täglichen beruflichen Belastung – viel Arbeit gemacht, wie Dr. von Sengbusch zugibt. "Ich finde die Idee des Innovationsfonds wirklich ganz klasse, und ich hätte noch eine gute Idee, aber ein zweites Projekt parallel zu ViDiKi könnte ich nicht schultern."

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