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Süße Gefahr auf dem Vormarsch

2017 fallen wesentliche Beschränkungen für die Zuckerproduktion

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt zur Reduzierung von Adipositas und Karieshäufigkeit in ihrer Leitlinie "Sugars intake for adults and children", täglich weniger als 10 % der Kalorien in Form von freiem Zucker aufzunehmen (maximal 50 Gramm), besser noch sei für Kinder eine Reduktion unter 5 % (maximal 25 Gramm).

Diese Grenzwerte gelten für alle Arten von Zucker, die Lebensmitteln vom Hersteller, Koch oder Verbraucher zugesetzt werden, aber auch für all jene, die natürlich u.a. in Honig, Sirup und Fruchtsäften oder -konzentraten vorkommen. Sie umfassen sowohl Monosaccharide (Glukose, Fruktose) als auch Disaccharide (Rohrzucker, Tafelzucker). Ein Löffel Ketchup z.B. beinhaltet laut WHO bereits ca. vier Gramm Zucker, eine Dose gesüßter Limonade meist über 20 Gramm.

Produktion von Isoglukose wird sich verdreifachen

Kontraproduktiv erscheint angesichts der von der WHO gesehenen Gesundheitsrisiken der Beschluss der Europaabgeordneten, das seit 1968 geltende Quotensystem für Zucker zum 30. September 2017 abzuschaffen. EU-Prognosen besagen bereits, dass zwischen 2016 und 2025 die Zuckererzeugung um 5 % auf 17,7 Mio. Tonnen ansteigt. Die Produktion von Isoglukose wird sich voraussichtlich auf 2,3 Mio. Tonnen verdreifachen. Heute sind es begrenzt 700 000 Tonnen.

Selbst bei Berücksichtigung ebenfalls vorausgesagter Ausfuhrsteigerungen bei Zucker von 1,3 Mio. auf 2,5 Mio. Tonnen wird reichlich Süßstoff für die Verarbeitung innerhalb der Europäischen Union verfügbar bleiben.

Kritiker befürchten, dass in der Lebensmittelproduktion vor allem die Verwendung der Isoglukose deutlich zunehmen wird. Hierbei handelt es sich um Fruktose-Glukose-Sirup mit 42 oder 55 % Fruchtzuckergehalt. Dieser Sirup hat in den USA – hier oft aus gentechnisch verändertem Mais hergestellt – Zucker bereits vielfach abgelöst und gilt als Dickmacher. In Europa wird Isoglukose aus Mais oder Weizenstärke hergestellt. Ihre Verwendung ist derzeit noch auf 5 % des Zuckerverbrauchs begrenzt.

Unternehmen freuen sich auf einen satten Gewinn

Die Produzenten sind zufrieden mit dem EU-Beschluss. Einer "neuen Ära der Zuckererzeugung" sieht sich die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker/Verein der Zuckerindustrie (WVZ) gegenüber. Freuen dürften sich die Hersteller allerdings vor allem über einen satten Gewinn. Die Europäische Kommission geht davon aus, dass die Zuckerpreise in der EU auf das Weltmarktniveau steigen werden (2016: EU 437 Euro, Weltmarkt 540 Euro pro Tonne).

Nicht erfreut ist die deutsche Zuckerwirtschaft dagegen über die "Dämonisierung des Zuckers" als Risikofaktor für die Entstehung von Diabetes mellitus. Wer vorbeugen wolle, solle auf sein Körpergewicht achten. Entscheidend sei die Energiebilanz, so die Vereinigung. Sie verweist auf die Nährwerttabelle bei Lebensmitteln. Hier sei der Gesamtzuckergehalt aufgeführt, versteckten Zucker gebe es nicht.

Eine Verharmlosungsstrategie nennt das Professor Dr. Baptist Gallwitz, Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft. "Eine Ernährung mit stark zuckerhaltigen Lebensmitteln ist nicht nur für die Entwicklung von Übergewicht von mehr als der Hälfte der Erwachsenen in Deutschland verantwortlich, sondern auch für den Anstieg der Erkrankungen an Typ-2-Diabetes."

Zucker in Lebensmitteln nicht sofort erkennbar

Die Verbraucherzentrale kritisiert, dass viele Süß- und Dickmacher in verarbeiteten Lebensmitteln auf den ersten Blick gar nicht erkennbar sind. In einem Marktcheck waren die Verbraucherschützer 2015 70-mal auf "verdeckte" süßende Zutaten gestoßen. Das betraf auch Produkte mit der Kennzeichnung "ohne Zuckerzusatz" und "ungesüßt". Kritisiert wird zudem die "Masche mit der Begriffsverwirrung": Süßmolkenpulver, Dextrose, Glukosesirup, Laktose, Fruktose, Maltodextrin, Molkenerzeugnis – sie seien nur eine kleine Auswahl von Begriffen, hinter denen letztendlich Zucker stecke.

Dosis-Wirkungs-Beziehung nicht ausreichend erforscht

Die Verbraucherschutzorganisation foodwatch hatte 2016 mit einer Marktstudie aufgedeckt, dass jedes zweite Erfrischungsgetränk überzuckert ist. Deutschland sei eines der Länder mit dem höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an zuckergesüßten Getränken weltweit, mit mehr als 80 Litern pro Jahr.

Inwieweit der Zuckerkonsum tatsächlich gesundheitsschädigend wirkt, ist jedoch, auch hinsichtlich des Risikos für Diabetes mellitus Typ 2, umstritten. Die Studienlage ist für eine evidenzbasierte Bewertung unzureichend. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung schreibt mit Blick auf die WHO-Empfehlung von 5 %: "Klare Dosis-Wirkungs-Beziehungen und Grenzwerte für Zucker abzuleiten ist schwierig – gleichwohl sind diese für verbraucher- und gesundheitspolitische Empfehlungen wünschenswert." Wo die Grenze liege bzw. ob es möglich sei, einen Grenzwert für die Zuckerzufuhr abzuleiten, müsse aufgrund der unsicheren Datenlage in weiteren Untersuchungen geklärt werden.

Die EU-Kommission merkt zur Zuckerproduktion an, sie sei sich der Debatten darüber bewusst, wie der Zucker- und Süßstoffmarkt auf den Wegfall der Quoten reagieren wird und inwiefern sich die hohe Einnahme von Fruchtzucker auf die Gesundheit auswirken könnte. Die Europäische Kommission werde das Thema deshalb weiterhin verfolgen.

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