Artikelübersicht

Pflegeausbildung deckt Diabetes-Bedarf nicht ab

DDG bietet verschiedene Pflege-Zusatzqualifikationen an

Künftig soll es eine reformierte Ausbildung für alle Pflegeberufe geben. Wie bewerten Sie den neuen Ansatz?

Dr. Wernecke: Ich denke, dass die Ausbildung dadurch attraktiver wird. Im Moment laufen Grundausbildung und Spezialisierungen ja parallel nebeneinander her. Künftig soll es dagegen eine generalistische Basisausbildung geben, auf der man aufbauen kann. Das wird meiner Ansicht nach die Berufschancen, die Attraktivität und die Arbeitszufriedenheit steigern, weil es dadurch mehr Aufstiegsmöglichkeiten und Weiterbildungschancen gibt.

Welche Rolle kann dabei das im Rahmen der Pflegegrundausbildung angebotene optionale Pflegestudium spielen?

Dr. Wernecke: Das Studium bietet neben der praktischen Ausbildung auch die Möglichkeit, sich akademisch weiterzubilden. Das eröffnet Pflegefachkräften die Chance, unter anderen auch ärztliche Aufgaben zu übernehmen, die wir zukünftig wegen des Ärztemangels delegieren müssen.

Inwieweit wird sich das neue Modell auf die Versorgung an Diabetes erkrankter Patienten auswirken?

Dr. Wernecke: Ich bin davon überzeugt, dass es nach einer kleinen Anpassungszeit in Kombination mit Zusatzqualifizierungen eine deutliche Verbesserung geben wird, denn die derzeitigen Ausbildungsgänge sind auch im Hinblick auf eine „Europäisierung« zu unterschiedlich und schaffen nicht die auf breiter Basis geforderte Qualität.

Worin genau bestehen denn die Defizite derzeit und inwieweit könnte eine DDG-zertifizierte Diabetes-Pflegfachkraft den Arzt entlasten?

Dr. Wernecke: Die spezifischen Wechselwirkungen zwischen geriatrischen Syndromen und Diabetes, wie bei Depression, Immobilität, Inkontinenz, Gebrechlichkeit oder Unter- und Mangelernährung, werden bei der Pflegeausbildung nicht berücksichtigt. Das gilt sicher auch für ein reformiertes Modell. Die Inhalte sind darüber hinaus so speziell, dass sie sich nur über eine Zusatzqualifizierung abdecken lassen. Hier setzen wir mit der DDG-zertifizierten Fortbildung an. Neben der Fähigkeit, geriatrische Patienten mit Diabetes differenzierter auch in Hinblick auf geriatrische Syndrome zu behandeln, sind weitere wichtige Bausteine des Programms das Wissen im Umgang mit einer Unterzuckerung sowie die Erkennung und Versorgung des diabetischen Fußsyndroms und von chronischen Wunden.

Können Sie beziffern, wie hoch der Bedarf an qualifizierten Fachkräften im Bereich Diabetes ist?

Dr. Wernecke: Nach den aktuellsten Zahlen des Bundesamtes für Statistik fehlen allgemein 230 000 Vollzeitkräfte. Bei einem Anteil von Menschen mit Diabetes unter den 70- bis 80-Jährigen von 25-30 % benötigen wir somit rund 70 000 auch bezüglich Diabetes spezialisierte Vollzeitkräfte.

Welche Besonderheiten sind bei der Pflege an Diabetes erkranker Menschen zu berücksichtigen?

Dr. Wernecke: Eine Diabetesfachkraft muss unterscheiden können zwischen nur kalendarisch Älteren, nicht-gehandicapten „go-go“-Patienten sowie multimorbiden, funktionell deutlich eingeschränkten „slow-go“- oder „no-go“-Patienten. Letztere haben deutlich andere Therapieziele und Behandlungsansätze als klassischerweise in der Diabetologie. Dies zu erkennen und zwischen Arzt und Patient vermitteln zu können, sind wichtige Ausbildungsinhalte, die in den gängigen Curricula noch gar nicht auftauchen.

Welche politischen Ziele verfolgt die DDG mit ihrer Fortbildung zur Diabetes-Fachkraft?

Dr. Wernecke: Wir haben dabei nicht nur das Ziel, dem Einzelnen mehr Gesundheit und Lebensqualität zu bringen. Wir wollen auch durch bessere Ausbildung zum Beispiel über Vermeidung von Krankenhauseinweisungen und adäquatere Therapie Kosten für die Allgemeinheit sparen.

Wie werden die Pflegeschüler für die Fortbildung rekrutiert?

Dr. Wernecke: In einer ersten Evaluierungsphase wird die Deutsche Dia-betes Gesellschaft das Programm an ihren eigenen Ausbildungsstätten anbieten. Ab 2018 soll die Zusatzausbildung in der Breite deutschlandweit auch von darin trainierten Teams aus Diabetologen und pflegerisch versierten Diabetesberaterinnen direkt in Kliniken, in der stationären aber auch ambulanten Pflege  angeboten werden. Gerade hier ist es wichtig, dass die Pflegedienstmitarbeiter verstehen, was der Arzt von ihnen will, und umgekehrt müssen die Fachkräfte in der Lage sein, Probleme selbstständig zu erkennen und zu kommunizieren. Insofern ist die Ausbildung auch für die Dia-beteologen von großer Bedeutung.

Wie ist die Fortbildung aufgebaut?

Dr. Wernecke: Die Basisqualifikation umfasst 16 Stunden über zwei Tage verteilt. Im Zentrum stehen dabei Fallbeispiele von Patientenkarrieren. Darüber hinaus  gibt es das 180-Stunden-Langzeitpflegeausbildungsprogramm für diejenigen, die zum Beispiel in einer größeren Einrichtung die Leitungsfunktion haben und selbst Mitarbeiter fortbilden können und wollen.

Wann starten die Module?

Dr. Wernecke: Die Langzeitausbildung läuft bereits seit letztem Jahr unter der Flagge der DDG. Das Basisprogramm startet im Mai mit einem ersten Train-the-Trainer-Seminar auf dem Hamburger Diabetes Kongress und wird ab Herbst 2017 umgesetzt. Das Ausbildungsteam sollte aus einem Diabetologen sowie einem Diabetesberater oder -beraterin mit Pflegeausbildung bestehen. Bei fehlender Pflegeausbildung muss eine diabetesversierte Pflegekraft mit dabei sein, um auch die neuen Pflegetheorien kompetent vermitteln zu können. Die klassische Ausbildungskonstellation reicht hier nicht. Untersuchungen belegen aber, dass durch die Zusatzqualifikation sowohl die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter als indirekt auch die Qualität der Versorgung steigen

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Kommentar schreiben

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.