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Konfektionsschuh vs. Sonderanfertigung

Der springende Punkt beim diabetischen Fußsyndrom ist die Risikoklasse

Die Schuhversorgung beim dia­betischen Fußsyndrom ist eine wichtige Präventionsmaßnahme. Die Einteilung der Patienten in acht verschiedene Risikoklassen ermöglicht eine passgenaue Versorgung mit Schuhen:

  • Risikoklasse 0: Der Patient erhält fußgerechte Konfektionsschuhe. Die Aufklärung und Beratung kann durch den Hausarzt erfolgen.
  • Risikoklasse I: Eine orthopädie­schuhtechnische Versorgung ist angezeigt. Bei nicht ausreichender Expertise sollte die Behandlung durch einen Orthopäden erfolgen.
  • Risikoklasse II: Hier wird ein Dia­betesschutzschuh empfohlen. Falls nötig, kann eine dia­betesadaptierte Bettung (DAF) bzw. eine orthopädische Maßschuhversorgung genutzt werden.

Die wichtige Risikoklasse II ist nicht gut geklärt

Dr. Joachim Kersken, Diabetologe im St. Marien-Krankenhaus, Ahaus, und Vorstandsmitglied der AG Fuß kritisierte: "Risikoklasse II ist die wichtigste Gruppe – leider ist sie nicht gut geklärt." Nach Ansicht des Experten würde eine Versorgung aller Patienten dieser Risikoklasse mit dem Diabetesschutzschuh einer Überversorgung gleichkommen.

Er schlägt zum Beispiel die Verwendung eines neuropathiegerechten Schuhs vor. Dieser Schuh sollte eine fußbreite Brandsohle ohne Versteifung haben, aus weichem Leder und gut zu schnüren sein.

Patienten der Risikoklasse III erhalten einen Dia­betesschutzschuh mit DAF. Eine Höherversorgung mit einem orthopädischen Maßschuh ist möglich, wenn die Fußproportionen keinen Konfektionsschuh zulassen.

Für die Risikoklassen IV–VI wird ein orthopädischer Maßschuh mit DAF empfohlen. Klasse V benötigt knöchelübergreifende Schuhe, ggf. in Kombination mit einer Orthese. Klasse VI ist auf eine zusätzliche Prothese angewiesen. Durch eine angemessene Bettung werden Druckpunkte vermieden.

Erhöhtes Sturzrisiko durch fußteilentlastende Schuhe

Die Versorgung in Risikoklasse VII ist stets temporär. Kurz- und Langzeit-Verbandschuhe bieten eine Weichbettung oder diabetesadaptierte Bettung. Die Sohle der Langzeitvariante kann angepasst werden, sodass die Abrollung den individuellen Bedürfnissen entspricht. Orthesen ermöglichen eine erhöhte Ruhigstellung und eine Stabilisierung. Jedoch sind sie nur bis zu einem Körpergewicht von etwa 100 kg geeignet.

Aufgrund der erhöhten Sturzgefahr werden fußteilentlastende Schuhe vom Referenten für Risikoklasse VII nicht empfohlen: "Man sollte sehr gut überlegen, ob sie eine Hilfe sind und ob es ein sicherer Schuh zur Entlastung der Wunde ist." Außerdem solle man immer kritisch hinterfragen, ob der Patient die verordneten Schuhe tragen wird.

Abschließend forderte Dr. Kersken, dass die Risikoklassen zur Schuhversorgung generell überarbeitet werden müssen. Auch seien Fortbildungen der AG Fuß zur therapeutischen Schuhversorgung bei Diabetes­patienten sinnvoll.

11. Diabetes Herbsttagung und 41. Hypertonie-Kongress

Die aktuelle Übersicht der AG Fuß zur Schuhversorgung und zu den Risikoklassen beim DFS (Stand 25.02.2006): bit.ly/2BEthYg

Risikoklassen beim DFS

  • Risikoklasse 0 keine PNP* bzw. pAVK**
  • Risikoklasse I keine PNP bzw. pAVK Fußdeformität
  • Risikoklasse II PNP mit Sensibilitätsverlust bzw. pAVK evtl. Fußdeformität
  • Risikoklasse III Zustand nach plantarem Ulkus
  • Risikoklasse IV PNP mit Sensibilitätsverlust bzw. pAVK Fußdeformität oder Dysproportionen
  • Risikoklasse V Charcot-Fuß (Sanders II-V, Levin III)
  • Risikoklasse VI PNP mit Sensibilitätsverlust bzw. pAVK Fußteilamputation
  • Risikoklasse VII akute Läsion bzw. florider Charcot-Fuß

* Polyneuropathie

** periphere arterielle Verschlusskrankheit

Kriterien für eine höher­gradige Versorgung

  • Kontralaterale Majoramputation
  • Arthropathie der Hüfte, des Knies oder des oberen Sprunggelenks
  • Gelenkimplantat mit Funktionsbeeinträchtigung oder Kontraktur
  • Amputation der Großzehe bzw. Resektion des Mittelfußknochens I
  • Motorische Funktionseinschränkung bzw. Parese eines oder beider Beine
  • Höhergradige Gang- und Standunsicherheit
  • Extreme Adipositas (BMI ? 35)
  • Dialysepflichtige Niereninsuffizienz
  • Beruf mit überwiegender Steh- und Gehbelastung
  • Erhebliche Visuseinschränkung
 

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