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Zukunft der Medizin hat begonnen

Wer bereitet sich wie auf die Digitalisierung im Gesundheitswesen vor?

Was war der Anlass für Ihre Studie zur "Digitalen Transformation"?

Dr. Neumann: Die Erwartungen zur Digitalisierung im Gesundheitswesen gehen weit auseinander. Wir wollten wissen: Was halten Entscheider in Ärzteschaft, Pharma- und Medizintechnikunternehmen, Krankenversicherungen, IT-Firmen oder Startups sowie die dort für das Digitalthema Verantwortlichen für wahrscheinlich? Wollen sie in andere Bereiche des Gesundheitswesens eindringen oder nur ihre Kernkompetenzen durch Digitalisierung verbessern? Und was passiert im Ausland?

Welchen Eindruck haben Sie aus den Antworten gewonnen?

Dr. Neumann: Die meisten glauben, dass sich viel verändern wird – gerade in Diagnostik und Therapie. Startups im Ausland versuchen, die Patientenversorgung zu verbessern. Etliche Akteure können sich vorstellen, andere Aufgaben als bisher zu übernehmen. Wenn zum Beispiel eine Krankenkasse Online-Unterstützung in der Psychotherapie anbietet, ist sie Leistungserbringer. Oder ein Krankenhaus macht ambulante Vor- und Nachsorge mithilfe digitaler Begleiter. Außerdem werden wir neue Kombinationen von Akteuren sehen, etwa zwischen Google und Pharmaunternehmen.

Die Allokation von Produkten und Leistungen erfolgt durch die Ärzte in den Praxen und Kliniken. Können diese nicht ruhig abwarten, was ihnen an neuen Ideen, Waren und Service an die Hand gegeben wird?

Dr. Neumann: Ich glaube, dass sich im ambulanten Bereich am meisten verändern wird. Deshalb sollten sich KVen, Kammern und Ärzteverbände intensiv mit der Entwicklung beschäftigen. Ein Diabetes-App-Anbieter sagt: Der Patient ist einen Tag im Quartal beim Arzt und 89 weitere Tage bei uns – wem vertraut er am Ende mehr? Es kann auch sein, dass andere Anbieter ärztliche Leistungen übernehmen und ersetzen. Durch Terminvereinbarung und das Suchen freier Plätze wird auf die Steuerung der Patienten Einfluss genommen. Das kann für die Niedergelassenen sowohl eine Bedrohung als auch eine Chance sein.

Ist die Rolle des Arztes bedroht?

Dr. Neumann: Es gibt Vorgänge, die als Routine automatisiert werden können oder die Computer einfach besser lösen als Menschen. Wenn etwa eine Therapieempfehlung aus der Analyse genetischer Daten und mithilfe großer Datenbanken abgeleitet wird, sind das Prozesse, die ein Mensch nicht mehr selbst nachvollziehen kann. Wie gehen wir damit um? IT kann man als Unterstützung und Entlastung sehen oder als Konkurrenz und Entmündigung.

Kann es eine Globalisierung von Gesundheitsleistungen geben?

Dr. Neumann: Für Software kann ich mir das vorstellen. Aber sobald Organisationen und Budgets ins Spiel kommen, von denen etwas abgezweigt werden müsste, wird es schwierig. Beispiel Videosprechstunde für Migranten mit Ärzten aus ihrer Heimat oder Psychotherapie in der Muttersprache – vielleicht sinnvoll, doch wer bezahlt das? Allgemein hätten Anbieter aus dem Ausland das Problem, dass es eine geringe Bereitschaft gibt, für Dinge, die man als Aufgabe der Krankenversicherung ansieht, etwas privat zuzuzahlen.

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen wirkt zum Teil rasant. Andererseits geht es ohne gesetzgeberische Maßnahmen nicht voran, weil die Selbstverwaltung blockiert.

Dr. Neumann: Dreh- und Angelpunkt ist die elektronische Gesundheitsakte, in die – wenn sie sinnvoll sein soll – Daten einfließen müssen, die an vielen Stellen im Gesundheitswesen entstehen. Der Gesetzgeber müsste einen Kommunikationsstandard vorschreiben oder entwickeln lassen und die Akteure verpflichten, Schnittstellen bereitzustellen, damit die Daten tatsächlich fließen. Es geht nicht um Schritte zählen oder Schlafüber­wachung, sondern um Labordaten, Diagnosen und Vitalparameter.
Die meisten Experten glauben übrigens nicht an eine einzige, zentrale Akte, sondern an konkurrierende Akten. Es kann durchaus sein, dass der Kunde sich zwischen der Akte beim Krankenversicherer, der beim Hersteller des Blutzuckermessgerätes und der beim Arzt entscheiden kann. Es muss aber dringend sichergestellt werden, dass es ein gemeinsamer und transportabler Standard ist, der auch Anbieterwechsel zulässt.

Welche Schwerpunkte der Digitalisierung haben Sie entdeckt?

Dr. Neumann: Die liegen vor und nach der Behandlung von Erkrankungen, also bei Information und Prävention, sowie bei Coaching und Selbstmanagement. Im Bereich der Therapie gibt es bisher wenige Angebote.

Welche haben Sie beeindruckt?

Dr. Neumann: Ich glaube, dass sich sehr viel bei der Verknüpfung von Genetik und Big Data tun wird, um ein klassisches Produkt wie ein Arzneimittel mit Wissen zu kombinieren, zum Beispiel in der Onkologie. Bei solchen Projekten geht es um große Datenmengen und sie haben das Potenzial, Versorgung zu verändern – in Richtung personalisierte Medizin.

Welche Bedeutung geben Sie im Vergleich dem Innovationsfonds?

Dr. Neumann: In dem Zusammenhang relativ wenig. Für diese Branche ist der Fonds zu langsam: Mindestens ein Jahr Vorlauf, bis ein Projekt genehmigt wird, dann drei Jahre Laufzeit und Auswertung für die Regelversorgung. Zudem ist die Zahl der geförderten Projekte begrenzt.
Grundsätzlich ist es für die Branche wichtig, dass die Bedingungen geklärt sind: Für welche Produkte und Anwendungen in welcher Risikoklasse werden welche Studien und welche behördlichen Genehmigungen benötigt? Dabei darf sie nicht überreguliert werden. Es muss ein Verhältnis zwischen Patientensicherheit und Raum zur Entfaltung gefunden werden. So entwickeln sich etwa Apps bei der Anwendung, indem in den Daten Muster gefunden werden.
Offen ist auch die Finanzierung. Ein paar Kassen probieren aus Marketinggründen etwas aus. Aber wenn etwas wirklich hilft, dann muss es auch einen Weg geben, damit es allen Patienten zur Verfügung steht. Das heißt: Ein Hersteller muss einen geregelten Marktzugang absehen können. Das fehlt noch. Das Risiko, dass ein Produkt scheitert, weil es keinen Nutzen hat, besteht immer.

Wie lautet nun Ihre Prognose?

Dr. Neumann: Ich glaube, dass vor allem die klassischen Player des Systems die Entwicklung treiben werden. Von diesen werden diejenigen gewinnen, die neuartige Kooperationen mit IT-Firmen eingehen, und die sich flexibel halten, da wir erst am Anfang der Entwicklung stehen. Es ist nicht mehr so wie vor 15 Jahren, als diese Wende herbeigeredet wurde. Jetzt passiert sie tatsächlich.

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