Artikelübersicht

Die Politik muss umdenken

Wir brauchen einen grundlegenden Strategiewechsel gegen das Übergewicht und die Folgen

Das Märchen vom Schlaraffenland ist alt, aber im Moment auch ganz aktuell. Wir leben in einer Konsum-überflussgesellschaft und der Trend zum Übergewicht der Menschen zeigt dies. Wird sich dieser Trend jemals umkehren lassen?

Dr. Garlichs: Nicht, wenn wir so weitermachen wie bisher. Die klassische Antwort der Politik ist der Appell an die Vernunft des Einzelnen: "FdH" (Friss die Hälfte), "Trimm dich", "Alkohol nur in Maßen" und viele andere Mahnungen. Alle diese gut gemeinten Ratschläge sind richtig, nur weitgehend wirkungslos, wie die Fakten eindrucksvoll zeigen. Mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland ist übergewichtig, jeder Vierte ist adipös. Die Gesellschaft kostet das jährlich viele Milliarden.

Sie sehen als DDG-Vertreter auch die Folgeerkrankungen.

Dr. Garlichs: Übergewicht führt häufig zu Diabetes Typ 2, Herzkreislaufleiden, Gelenkserkrankungen und zu verschiedenen Krebsarten. Gesellschaftliche Stigmatisierung und psychische Leiden kommen hinzu. Wir sehen Krankheitsgeschichten, die sich zu einem großen Teil vermeiden ließen. Viele Zivilisationskrankheiten rufen wir durch unsere Lebensweise selbst hervor.

Viele Menschen wollen schlank sein, doch es gelingt oft nicht, den Leckereien zu widerstehen. 

Dr. Garlichs: Das ist in der Tat ein großes Problem. Auch die meisten Adipositastherapien sind erfolglos. Darum plädieren wie dafür, dass man sehr frühzeitig interveniert. Kinder und Jugendliche dürfen gar nicht erst in die Übergewichtsspirale geraten. Wird erst einmal eine Verhaltens- und Lebensweise, die zu Übergewicht führt, erlernt und praktiziert, dann ist es unendlich schwer, da wieder runterzukommen. Das gelingt nur wenigen. Darum müssen alle Maßnahmen so angelegt sein, dass sie auch schon Kinder und Jugendliche erreichen.

Was kann die Ernährungsindustrie beitragen?

Dr. Garlichs: Die Hersteller sollten den hohen Anteil an Zucker, Fett und Salz in ihren Produkten reduzieren. Die andere wichtige Maßnahme wäre, dass die Industrie endlich ihren Widerstand aufgibt gegen eine klare Lebensmittelkennzeichnung wie z.B. das Ampelsystem. Es ist erwiesen, dass es von den Menschen verstanden wird. Die Kennzeichnung, die wir im Augenblick haben, kleingedruckt auf der Rückseite, versteht kaum jemand.

Verbraucherschützer kritisieren seit Langem, dass nicht jeglicher Zucker deklariert ist.

Dr. Garlichs: Ein erstes Problem sind die vielen unterschiedlichen Bezeichnungen für Zucker – etwa 50 verschiedene Bezeichnungen. Bei einer klaren Ampelkennzeichnung wären die Zuckeranteile, egal wie man sie nennt und welcher Art, eindeutig gekennzeichnet. Und zwar mit rot, gelb oder grün. Das wäre schon ein großer Fortschritt. Die Lebensmittelwirtschaft könnte aber auch die Kalorienmenge schnell sichtbar angeben. In New York zum Beispiel ist in jedem Starbucks neben dem Preis zu lesen, ob ein Browny 300 oder 500 Kilokalorien beinhaltet. Da kann ich mir dann überlegen, welchen ich kaufen möchte.

Wäre eine Zucker-Fett-Steuer hilfreich im beschwerlichen Kampf gegen zu viel Übergewicht?

Dr. Garlichs: Sicher. Wenn man durch eine Zucker-Fett-Steuer klare Preissignale aussendet – nämlich bei gesunden Lebensmitteln die Mehrwertsteuer streicht und bei ungesunden Lebensmitteln den vollen Wert von 19 % nimmt –, dann ist das bei jeder Kaufentscheidung sofort wirksam. Das wäre in den Alltag der Menschen eingebaut und viel sinnvoller als Appelle, die die Menschen nicht erreichen.

Die gesetzlichen Krankenkassen stecken entsprechend dem Präventionsgesetz inzwischen mehr Geld für die Verhaltensprävention in Kindertagesstätten, Schulen und Betriebe. Reicht nicht?

Dr. Garlichs: Mit sieben Euro pro Versichertem die Menschen zu einer gesünderen Lebensweise bringen zu wollen, ist ziemlich naiv. Zumal es sich ja auch wieder nur um freiwillige Angebote handelt in den sog. Settings. Das ist das alte Mahnen und Predigen, das schon bisher nicht funktioniert hat.

Welche Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht gegen den Übergewichts-trend notwendig?

Dr. Garlichs: Wir haben in der "Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten" (DANK) vier politische Maßnahmen definiert, die nachhaltig sind und alle Menschen erreichen: 1. täglich mindestens eine Stunde Bewegung oder Sport in Kita und Schule, 2. adipogene Lebensmittel besteuern und gesunde Lebensmittel entlasten (Zucker-Fett-Salz-Steuer), 3. verbindliche Qualitätsstandards für Kita- und Schulverpflegung und 4. Verbot von an Kinder gerichteter Lebensmittelwerbung.

Auf welche Verbündete kann die Allianz DANK dabei zählen?

Dr. Garlichs: Viele Politiker denken schon, dass das Präventionsgesetz nicht ausreicht und dass Dinge wie Zucker-Fett-Salz-Steuer sowie mehr Bewegung in Schule und Kita sinnvoll sind. Wir haben sicherlich gut die Hälfte der Abgeordneten im Gesundheitsausschuss auf unserer Seite. Außerdem sind die Krankenkassen Verbündete – v.a. die AOK, weil sie viele chronisch Kranke versichert. Die Kassen haben ein Interesse daran, dass ihre Mitglieder möglichst nicht krank werden und wenig Kosten verursachen. Auch Medien, die sich um wirkliche Qualitätsberichterstattung kümmern, unterstützen unsere Ziele. Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte gerade einen großen zweiseitigen Artikel: "Gar nicht süß: Wie die Hersteller von Cola und Limonaden vertuschen möchten, dass ihre Getränke noch immer ungesund sind."

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Kommentar schreiben

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.