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Beweise für den Nutzen stehen noch aus

Interview: Bei Gesundheits-Apps stellt sich die Frage nach der Qualität

Wenn Sie eine Gesundheits-App für sich oder einen Angehörigen aussuchen – worauf achten Sie?

Dr. Albrecht: Ich schaue, ob es ein Impressum gibt, wer für die App verantwortlich ist. Mir muss sich erschließen, wozu die App gedacht ist, welche Funktionalitäten sie hat und ob diese auf seriösen Quellen beruhen. Gibt es Belege für den Nutzen der App? Werden klare Angaben zum Datenschutz gemacht? Wie wird die App finanziert? Wird sie regelmäßig gepflegt? Ich prüfe auch, ob sich schon unabhängige Dritte mit der App beschäftigt und ihre Ergebnisse publiziert haben.

Wer garantiert dem Anwender, dass seine Vitaldaten korrekt gemessen werden, also als Grundlage für Entscheidungen dienen können?

Dr. Albrecht: Bei fast allen Apps dieser Art wird das niemand garantieren können. Lediglich bei Apps, die als Medizinprodukt eine CE-Kennzeichnung tragen und eine Messfunktion beinhalten, war eine sogenannte „Benannte Stelle” eingeschaltet, die die Funktionalität geprüft hat. Ob Daten korrekt gemessen werden hängt aber auch davon ab, ob das Gerät richtig und der Situation entsprechend bedient wird.

Welche Entwicklung erwarten Sie bei Gesundheits-Apps? Werden sie ein unentbehrlicher Begleiter im Alltag? Vom Arzt zu empfehlen oder zu verordnen wie ein Arzneimittel?

Dr. Albrecht: Zurzeit ist diese Technologie im Aufwärtstrend – getragen von fast schon euphorischen Erwartungen aller Akteure. Beweise für den Nutzen stehen aber in den meisten Fällen noch aus. Wir dürfen gespannt sein, was sich letztlich durchsetzen wird. Ich denke, aufgrund des enormen Potenzials für Komfortsteigerungen bei Datenaufnahme, -darstellung und -transfers werden es Angebote sein, die Gesundheitsinformationen zu den Bürgern bringen beziehungsweise relevante Informationen der Bürger zu ihren Versorgern tragen. Das kann dazu beitragen, den Patienten und den Arzt bei der Krankheitsbewältigung oder der Behandlung effizient und passgenau zu unterstützen.

Mangelnde Transparenz und eine dynamische Markt­entwicklung machen es schwer, Produkte zu vergleichen. Wie könnte dieses Problem gelöst werden – durch offizielle Vorgaben für App-Entwickler plus Selbstverpflichtungen? Oder bedarf es einer unabhängigen Plattform, die ihren Daumen hebt oder senkt?

Dr. Albrecht: Grundsätzlich bin ich weniger für Zwang als für Handeln aus Überzeugung. Es ist wichtig, dass Hersteller wie Nutzer verstehen, dass Qualität eine unabdingbare Voraussetzung für Gesundheits-Apps ist. Allgemeingültige Qualitätskriterien müssen erarbeitet werden. Dafür ist das Rad nicht neu zu erfinden, es gibt bereits Standards für Software.Die Nutzer brauchen transparente Hersteller-Angaben zur App, wie wir sie im Rahmen einer standardisierten Selbstauskunft seit Jahren fordern.

Der Gesetzgeber kann hier mitwirken, indem er die Impressumspflicht um Informationen wie die „Zweckbestimmung“ einer App ergänzt. Doch hängt es letztendlich am Nutzer, ober er die App trotz fehlender Informationen über Nutzen und Risiken installiert und einsetzt. Eine offizielle Kontrolle wird aufgrund der Marktdynamik und grenzüberschreitenden Natur der Apps nicht möglich sein.

Wie beurteilen Sie die Missbrauchsgefahr: a) bezüglich des Datenschutzes, b) durch eine krankmachende Selbstüberwachung?

Dr. Albrecht: Sicherlich besteht die Gefahr für einen Datenhandel mit Kontaktinformation, Lokalisationsprofilen und Informationen zum Kaufverhalten. Die Risiken sind mit denen des Internets, etwa bei Social Media und Shopping-Portalen, sowie allen anderen Apps vergleichbar. Gesundheitsdaten dürfen nicht in die falschen Hände gelangen, da dies zu einem empfindlichen persönlichen Schaden führen kann.

Ich weiß allerdings von keiner Bande, die Daten an Arbeitgeber verkauft oder Erpressungen startet. Vielmehr sind es mangelnde Sensibilität und schlechte Schutzmaßnahmen der Hersteller, die zu Datenlecks führen.Krankmachende Selbstüberwachung wird nur bei empfänglichen Menschen durchschlagen, wie es das schon seit jeher gab. Hier wird es keinen rasanten Anstieg der Fälle geben. Problematischer ist eine Kontrolle durch Dritte, die sich nicht abschalten lässt. Das heißt: Ich ermächtige andere, mich zu kontrollieren und mich an meine Gesundheit zu erinnern. Das wird schlimm, wenn ich es nicht mehr steuern kann – dann macht es auch krank.

Bei welchen Patientengruppen stehen die Chancen besonders gut, dass sie von der Digitalisierung der Medizin profitieren werden?

Dr. Albrecht: Vielleicht profitieren die Bürger allgemein: Neues Gesundheitsinteresse kann geweckt und bestehendes unterstützt werden. Patienten können durch die Mobilgeräte dort Hilfe erhalten, wo sie sie brauchen: Mitten im Leben und nicht nur punktuell im Krankenhaus oder in der Arztpraxis.

Vor allem chronisch Erkrankte gewinnen mehr Komfort im Management ihrer Erkrankung. Die Technik verhilft körperlich eingeschränkten Menschen zu mehr Selbstbestimmung. Das lässt sich zum Beispiel bei Menschen mit diabetesbedingten Sehbehinderungen gut nachvollziehen: Hier gibt es Apps mit Messgeräte-Anbindung, Insulinpens etcetera, mit denen Betroffene ohne die Unterstützung durch andere Personen in ihrem Umfeld selbstständig mit ihrer Erkrankung umgehen können.

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