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Zu viele Fußamputationen durch Fehlanreize

DDG fordert Zweitmeinungsverfahren vor chirurgischen Eingriffen

Pro Jahr erkranken etwa 250 000 Patienten am diabetologischen Fußsyndrom (DFS). Es ist der häufigste Grund für eine Amputation. "Jährlich verlieren 50 000 Menschen in Deutschland eine Extremität, ohne dass ein traumatisches Ereignis hierfür vorliegt. Diese Zahl ist, auch im internationalen Vergleich, viel zu hoch", sagt Professor Dr. Ralf Lobmann, Vorsitzender der DDG-Arbeitsgemeinschaft Diabetischer Fuß.

"Viele Patienten kommen mit schlecht heilenden chronischen Fußwunden zu spät in spezialisierte Zentren, oft erst nach zwölf Wochen und später." In spezialisierten Zentren können Teams aus Diabetologen, Gefäßchirurgen, Orthopäden, Podologen und Schuhmachern eine große Bandbreite an Therapien und Maßnahmen ausschöpfen, um eine Amputation zu vermeiden.

Nur jeder Vierte überlebt nach Majoramputation fünf Jahre

"Während die Rate von Majoramputationen, also Abtrennungen des Fußes oberhalb des Knöchels, in spezialisierten Zentren bei 3,1?% liegt, beläuft sich die Quote in der Allgemeinversorgung auf 10 bis 20 %", erklärt Prof. Lobmann.

Eine Majoramputation zu vermeiden, sei oberstes Gebot bei der DFS-Behandlung. Denn nur ein Viertel der Patienten überlebt nach einer Majoramputation fünf Jahre – bei der Abtrennung von Fußteilen unterhalb des Knöchels sind es 80?%. "Daher fordern wir vor einer Amputation das obligatorische Einholen einer qualifizierten Zweitmeinung."

"Wir beobachten, dass in Regionen mit guten und geklärten Vergütungsstrukturen, wie etwa im Südwesten oder in Hamburg, mehr zertifizierte Behandlungszentren entstehen als zum Beispiel im strukturschwachen Sachsen-Anhalt", so Prof. Lobmann. Aus Sicht der DDG sei es deshalb unverzichtbar, flächendeckend gute Vergütungsstrukturen für die Arbeit von Fußzentren zu schaffen.

Gleichzeitig müssten Vergütungsanreize im DRG-System abgebaut werden, die eine Amputation lukrativer als die langwierige individuelle Betreuung machten. Eine Fußamputation sei – im Gegensatz zu einer extremitäterhaltenden Behandlung, die mit 40 Tagen Klinikaufenthalt einhergehen kann – vergleichsweise auskömmlich finanziert.

Boni für Fußerhalt statt der Fehlanreize

"Ist ein Fuß erst einmal amputiert, ist dieser Schritt nicht mehr rückgängig zu machen." Auch Boni für den Erhalt des Fußes könnten helfen, Fehlanreize bei der Vergütung zu beseitigen.

 

Recht auf zweite Meinung

Patienten, bei denen die Indikation zu einem planbaren Eingriff gestellt wird, haben Anspruch auf eine unabhängige Zweitmeinung durch einen Arzt oder eine Einrichtung, die den Eingriff nicht selbst durchführen. Für welche mengenanfällige Eingriffe dieser Anspruch besteht, wird vom Gemeinsamen Bundesausschuss bestimmt. So hat es der Gesetzgeber 2015 mit dem § 27b im fünften Sozialgesetzbuch geregelt.



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