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Pubertierende im Clinch mit dem Diabetes

Hormonelle Turbulenzen, psychosoziale Umbrüche, Risikobereitschaft …

Anderssein kann für Jugendliche mit Diabetes zur Belastung werden. "Hätten sie nur den Diabetes, würden Pubertierende wahrscheinlich einigermaßen zurechtkommen", so Professor Dr. Andreas Neu von der Universitäts-Kinderklinik Tübingen.

Aber es gibt viele weitere Themen, die Jugendliche in dieser Lebensphase bewältigen müssen: körperliche Veränderungen, Liebe und Sexualität, aber auch Aspekte wie Alkohol, Nikotin oder Drogen.

Die Ziele der Langzeitbetreuung von jungen Diabetespatienten sind in den Leitlinien klar definiert: Vermeidung von Stoffwechselentgleisungen, Reduktion diabetesspezifischer Folgeerkrankungen und Ermöglichung einer normalen körperlichen und psychosozialen Entwicklung. Der HbA1c-Wert sollte unter 7,5 % liegen, optimal sind Werte unter 7,0 %.

HbA1c von Jugendlichen ist häufig sehr hoch

Die Realität sieht bekanntlich anders aus. Eine Auswertung der Daten von 25 europäischen Diabeteszentren ergab, dass nur ca. ein Drittel der Jugendlichen mit dem HbA1c im "grünen Bereich" liegt.

Eine amerikanische Studie aus dem Jahr 2015 kam zu dem Schluss, dass die HbA1c-Werte in keiner anderen Altersgruppe so hoch liegen wie bei jungen Menschen in der Adoleszenz.

Physiologische Faktoren beeinflussen das HbA1c negativ

Das liegt aber nicht nur an "unkooperativen" Jugendlichen, sondern auch an physiologischen Faktoren, erklärte Prof. Neu. Beispielsweise sinkt die Insulinempfindlichkeit bei Pubertierenden im Tanner-Stadium 3 und 4 um rund 20 % ab. Dieser und weitere Faktoren erschweren die Diabetestherapie bei Jugendlichen.

Was hilft Heranwachsenden mit Dia­betes, ihren HbA1c-Wert im Griff zu halten?

  • Praxisnahe Schulung – wenn der Jugendliche am Döner-Stand essen möchte, dann muss er eben dort spritzen, und das muss mit ihm geübt werden. Auf diese Weise wächst die Akzeptanz.
  • Technische Optionen wie CGM und FGM sind für viele eine Erleichterung, weil es „schnell geht, diskret und nicht schmerzhaft ist und am Körper haftet“.
  • Software zum Auslesen von BZ-Messgeräten nutzen.
  • Gruppenveranstaltungen mit Gleichaltrigen fördern, Peergroup einbeziehen.
  • Themen wie Alkoholkonsum oder Führerschein/Autofahren aufgreifen (Unterzuckerungen vorbeugen).

Bei manchen Patienten hilft nur ein Neustart

Aber manchmal nutzen leider all diese Angebote nichts, räumte Prof. Neu ein. Dann hilft es, eine Pause einzulegen und als Zäsur eine stationäre Aufnahme zu veranlassen.

"Wir nehmen Jugendliche sofort stationär auf, wenn das HbA1c 10 % überschreitet. Bei einem HbA1c über 9 % nehmen wir junge Patienten zeitnah in die Klinik auf", so der Kollege. Oft können so die Weichen für das Diabetes-Management neu gestellt werden.

11. Diabetes Herbsttagung und 41. Hypertonie-Kongress

So klappt die Transition in die Erwachsenenmedizin

Irgendwann müssen sich junge Diabetes­patienten vom vertrauten pädiatrischen Diabetologen verabschieden und einen internistischen Diabetologen aufsuchen. Die meisten Jugendlichen bleiben gerne im gewohnten Setting und möchten den Transfer in die Erwachsenenmedizin langsam angehen, sagte Prof. Neu.

Auf jeden Fall ist die Transition ein Prozess, der frühzeitig in der Sprechstunde thematisiert werden sollte. Folgendes Transfermodell hat sich in der Tübinger Kinderklinik bewährt:

  • Entwicklungspsychologische Stabilität des jungen Patienten abwarten, der Transfer sollte frühestens nach der mittleren Pubertät erfolgen.
  • Individuelle Lebenssituation berücksichtigen (z.B. Schulabschluss, Wohnortwechsel wegen Studium oder Ausbildung etc.).
  • Passenden Ansprechpartner in der Erwachsenenmedizin suchen (Arzt oder Ärztin? Praxis oder Klinik?).
  • "Kennenlern-Termin" vereinbaren.
  • Ausführlichen Arztbericht über den Diabetes-Verlauf und das aktuelle Management mitgeben.
  • Rückmeldung sicherstellen: Nach dem „Kennenlern-Termin“ beim Erwachsenen-Diabetologen kommt der Jugendliche noch einmal in die Kinderklinik, um eine überlappende Versorgung zu gewährleisten.

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