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Mit Twitter gegen Softdrinks

Wie lässt sich die Zunahme von Zivilisationskrankheiten stoppen?

Nichtübertragbare Krankheiten  verursachen laut WHO weltweit jährlich 15 Mio. vorzeitige Todesfälle. Es sind Krankheiten, die maßgeblich durch den Lebensstil beeinflusst werden wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Krankheiten oder Krebs.

Hauptrisikofaktoren sind Rauchen, Alkohol, Adipositas und Bewegungsmangel. Einen Schwerpunkt der Konferenz bildete der Kampf gegen Adipositas. Auch in vielen Entwicklungsländern nimmt dieses Problem zu. Zahlreiche Länder haben bereits Gegenmaßnahmen ergriffen, vor allem Steuern auf Softdrinks. Dieses Mittel wird auch von der WHO empfohlen.

Allerdings, so wurde in Schardscha (VAE) deutlich, ist es nicht immer einfach, eine solche Steuer gesellschaftlich durchzusetzen. Praktisch in allen betroffenen Ländern brauchte es dafür eine breite Öffentlichkeitskampa­gne, getragen von Akteuren aus dem Public-Health-Bereich.

Umgekehrt versucht die Lebensmittelindus­trie mit vielen Strategien, wirksame Re­glementierungen zu verhindern. Beispiele aus Großbritannien, Südafrika und Lateinamerika zeigten, wie die Bevölkerung dennoch mit TV-Spots und Social-Media-Kampagnen aufgeklärt und überzeugt werden kann.

Softdrinksteuer findet immer mehr Zustimmung

Besonders vielversprechend ist es offenbar, den Fokus auf Kinder zu lenken. Die britische "Obesity Health Alliance" etwa startete eine Twitter-Kampagne, um eine Softdrinksteuer zu unterstützen. Sie verdeutlichte mit Fotos, wie viel Zucker Kinder im Durchschnitt pro Tag konsumieren – nämlich so viel, wie in 20 Keksen enthalten ist.

Hauptzuckerquelle sind Softdrinks. In Umfragen sprachen sich daraufhin 76 % der befragten Briten für eine entsprechende Steuer aus. Obwohl die Getränkeindustrie eine Gegenkampagne startete, setzten sich die Gesundheitsexperten durch: Im April 2018 wird die Softdrinksteuer in Großbritannien in Kraft treten.

Aus den Länderberichten wurde auch deutlich: Wissenschaft und Medizin haben es allein schwer, gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen. "Der Gesundheitssektor ist traditionell schwach", sagte Professor Dr. Jeremy Shiffman von der American University in Washington, "er braucht daher Unterstützung durch andere gesellschaftliche Gruppen."

Immer mehr NCD-Allianzen weltweit

In knapp 50 Ländern weltweit haben sich bereits nationale NCD-Allianzen gebildet, die teils sehr unterschiedliche Akteure umfassen, von medizinischen Universitäten bis zu Umweltgruppen. In der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) sind 21 medizinische Fachgesellschaften vernetzt, unter anderem die Deutsche Diabetes Gesellschaft und der Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe.

Auch die WHO befasst sich mittlerweile intensiv mit NCDs. Eine Vertreterin stellte in Schardscha die Online-Plattform www.who.int/beat-ncds zur Unterstützung nationaler Initiativen vor. Dort können evidenzbasierte Maßnahmen gegen NCDs recherchiert werden, auch Hand-Outs mit Argumenten für Politiker werden gestellt. Die Vereinten Nationen (UN) tagten bislang zweimal zu dem Thema, ein drittes Treffen ist für den September dieses Jahres geplant.

Industrienationen bremsen die Bemühungen

Das Jahr 2018 bietet daher die Chance, auf internationaler Ebene verbindliche Ziele zur Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten zu formulieren. Auf diese könnten sich dann auch Initiativen in Deutschland berufen, um Maßnahmen politisch durchzusetzen.

"Doch damit das UN-Treffen im September ein Erfolg wird, ist noch viel Überzeugungsarbeit notwendig", sagte Katie Dain, Direktorin der Global NCD Alliance, "vor allem die Industrieländer wirken auf internationaler Ebene bisher eher als Bremser." Das liege auch am Einfluss der Industrie, die teilweise zum letzten Treffen direkt in den Regierungsdelegationen mitreiste.

"Wir dürfen nicht zu höflich sein", mahnte die kenianische Chirurgin Mellany Murgor vom Young Professionals Chronic Disease Network, "es geht schließlich darum, unnötiges Leid zu vermeiden." Sie verweist auf die teils aggressiven Maßnahmen der Industrie gegen Bemühungen der Verhältnisprävention.

In Australien etwa startete die Lebensmittelindustrie eine Anzeigenkampagne mit der Figur eines strengen, unsympathischen Kindermädchens als Symbol für einen Staat, der seine Bürger bevormunde. Zuweilen versuchen Lobbyverbände auch, Informationskampagnen über die Gefahren von Softdrinks durch Prozesse zu stoppen. In Kolumbien erhielten Wissenschaftler, die sich für Verhältnisprävention einsetzen, Todesdrohungen.

Patienten werden stärker in die Arbeit eingebunden

Erstmals prominent vertreten waren in Schardscha Patienten, die von NCDs betroffen sind. Unter dem Motto "Our Views, Our Voices" sollen sie künftig stärker in die internationale Arbeit der NCD Alliance eingebunden werden. Eine Stigmatisierung, etwa von Übergewicht, macht es diesen Gruppen oft schwer, selbst für ihre Interessen einzutreten.

Richtig eingebunden können sie aber den Ausschlag für den Erfolg einer Kampagne geben, weil sie dem Problem NCDs ein menschliches Gesicht verleihen, sagte Dr. Vicki Pinkney-Atkinson von der South African NCDs Alliance. "So kann man deutlich machen, dass die Politik diesen Menschen verpflichtet ist." Nicht zuletzt durch das Engagement von Patienten konnte die Allianz in Südafrika ebenfalls eine Steuer auf Softdrinks durchsetzen.

*non communicable disease

Forderungen an die Politik

Für das 3. UN-Gipfeltreffen zu nichtübertragbaren Krankheiten im September 2018 hat die Global NCD Alliance sechs Forderungen an die Politik formuliert:

  • Die Menschen in den Mittelpunkt stellen
  • Mehr Investitionen gegen NCDs
  • Mehr Aktivität gegen Adipositas bei Kindern
  • Steuermaßnahmen zur Förderung eines gesunden Lebensstils
  • Leben retten durch allgemeinen Zugang zur Behandlung
  • Bessere Überprüfbarkeit für Fortschritte, Ergebnisse und Ressourcen

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