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Kritik an der "Pseudo-Ampel"

Vorstoß von sechs großen Lebensmittelkonzernen überzeugt Foodwatch nicht

Lobbyisten der Lebensmittelhersteller haben 2010 eine EU-weit verbindliche Ampelkennzeichnung zum Nährwertgehalt bei verarbeiteten Lebensmitteln erfolgreich verhindert. Im November 2017 jedoch haben Mars, Mondelez, Nestlé, Coca Cola, Pepsico und Unilever der Europäischen Kommission einen gemeinsamen Vorschlag zu einer einheitlichen Kennzeichnung in Europa vorgestellt.

Es geht also doch verbraucherfreundlich und transparent? Mitnichten, warnt die Verbraucherorganisation Foodwatch.

"Was für ein fieses Lobby-Manöver: Nestlé, Coke & Co. kapern die eigentlich sinnvolle Idee einer verbraucherfreundlichen Nährwertkennzeichnung und führen sie mit ihrer Pseudo-Ampel ad absurdum", empört sich Oliver Huizinga, Leiter Recherche und Kampagnen bei Foodwatch.

Kriterien für ein Ampelsystem soll nicht die Industrie festlegen

Anstatt Zuckerbomben und fettige Snacks zu entlarven, lasse die Industrie-Ampel die Produkte gesünder aussehen als sie es in Wahrheit seien. "Das darf nicht zum europäischen Standard werden."

In der offiziellen Präsentation ihrer Ampel-Idee argumentieren die sechs großen Lebensmittelkonzerne, dass die in den 28 EU-Staaten dominierenden Angaben zu Fett, gesättigten Fetten, Kohlenhydraten, Zucker, Eiweiß und Salz nur in Schwarz-weiß auf den Verpackungen nachlesbar sind. Sie sollten jedoch aussagekräftiger und leicht zu verstehen sein.

Das vorgeschlagene Ampel-System überzeugt Foodwatch jedoch nicht. Es habe viel zu lasche Kriterien und sei irreführend. Die Kriterien für eine Ampel sollten nicht von der Industrie, sondern von unabhängigen Experten bestimmt werden.

Foodwatch verweist auf das erstmals 2007 von der britischen Lebensmittelbehörde FSA konzipierte Original-Ampelsystem. Im Vergleich dazu würde mit der Industrie-Ampel viel Rot verschwinden. Möglich werde dies durch einen Trick: "Die Originalampel der FSA berechnet die Ampelfarbe auf Grundlage von einheitlich 100 Gramm. Sie springt zum Beispiel beim Zuckergehalt auf Rot, sobald ein Produkt mehr als 15 % Zucker enthält."

Hersteller-Farbgebung basiert auf kleineren Portionen

Im Gegensatz dazu, mahnt Foodwatch, berechne die Industrie-Ampel die Farbgebung auf Basis von Portionsgrößen, welche die Hersteller selbst festlegen. Das bedeute: Je kleiner die Portion, desto kleiner werde natürlich die Prozentangabe und damit der Anteil an der empfohlenen Verzehrmenge pro Tag.

Bei allen Portionen bis zu 60 Gramm zeige die Industrie-Ampel erst dann Rot, wenn mehr als 13,5 Gramm Zucker in einer Portion steckten. EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis hat allerdings bereits 2017 klargestellt, dass er die freiwilligen Vorschläge der Industrie für nicht ausreichend hält, berichtet der AOK-Bundesverband.

Schmidt: Nährwerttabelle ist besser als eine Ampel

Der Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft Christian Schmidt will grundsätzlich keine Nährwertampel auf den Verpackungen sehen. Dabei hat der Ernährungsreport 2018 seines Ministeriums gezeigt, dass sich etwa zwei Drittel der Menschen beim Einkauf über die Zusammensetzung von Lebensmitteln informieren.

In der "Nürnberger Zeitung" sagte Schmidt: "Die Nährwerttabelle hat doch eine viel höhere Aussagekraft als eine dreifarbige Ampel."

bit.ly/2DnDWLs
bit.ly/2EP7DSF

Verbraucherschützer raten: Mach den Ampelcheck!

In Hamburg bietet die Verbraucherzentrale gemeinsam mit der Gesundheitsbehörde eine Ampel-Checkkarte fürs Portemonnaie. Auf dieser sind die Grenzwerte für Zucker, Fett und Salz pro 100 Gramm angegeben.

Im Vergleich mit den 100-Gramm-Nährwertangaben auf der Verpackung lassen sich Zuckerbomben oder Fettfallen schnell erkennen. Die Nachfrage ist groß. Weit über 50 000 dieser Ampel-Checkkarten sind bereits ausgegeben worden.

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