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Schwieriger Durchblick

Wirrwarr bei Patientenakten verärgert Ärzte – Vereinheitlichung gefordert

Geht es nach den Vorstellungen von Politik und Kassen, wird es bald eine Fülle an Patientenakten geben – sicher und für den Versicherten leicht zugänglich, per Ta­blet, Smartphone oder PC. Dass die Deutschen der Digitalisierung ihrer Patientendaten offen gegenüberstehen, ergab 2017 eine repräsentative Befragung im Auftrag des Digitalverbands Bitkom. 43 % der Bürger würden demnach Untersuchungsresultate künftig gerne in digitaler Form erhalten. 60 % befürworten die elektronische Patientenakte.

Babylonische Sprachverwirrung

Der Gesetzgeber hat unterschiedliche Aktenkonzepte gesetzlich verankert. In der Praxis-EDV gibt es bereits die vom Arzt geführte einrichtungsinterne elektronische Arzt­akte. Zudem wird der patientenbezogene Datenaustausch zwischen verschiedenen Gesundheitseinrichtungen über die arztgeführte elek­tronische Fallakte praktiziert. Künftig soll es aber auch die elektronische Gesundheitsakte (eGA, § 68 SGB V), die elektronische Patienten­akte (ePA, § 291) und das elektronische Patientenfach (ePF, § 291) geben.

Dr. Stephan Hofmeister, Vorstandsvize der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, spricht angesichts der Aktenvarianten von einer "babylonischen Sprachverwirrung". Die KBV fordert deshalb eine Vereinheitlichung von eGA, ePA und ePF. Es soll nur eine ePA geben. Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des KBV-Vorstands, betonte, dass es auch nur einen strukturierten, standardisierten Datensatz geben dürfe, auf dem alle Akten, also auch die der Krankenkassen (eGA), aufsetzen.

Welche Daten hat der Arzt wie bereitzustellen?

Das Recht zur Richtlinienkompetenz für die Inhalte fordert die KBV vom Gesetzgeber für sich ein. Der Arzt müsse wissen, welche Daten er in welchem Format zur Verfügung zu stellen habe, damit der Datenaustausch zwischen den Akten bzw. Praxen funktioniere. Alle Akteure müssten sich dann verpflichten, diesen grundlegenden Standard zu nutzen.

Krankenkassen dürfen im Vorfeld der Zurverfügungstellung von Patientenakten nach § 291a SGB V ihren Versicherten sog. Gesundheitsakten zur Verbesserung der Qualität und Wirtschaftlichkeit der Versorgung anbieten, auch um erste Erfahrungen zu gewinnen. AOK und Techniker Krankenkasse sind Vorreiter bei der Erprobung eigener Lösungen. Zudem ist das von zahlreichen gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen unterstützte Gesundheitsprogramm vivy.com online gegangen.

AOK: Man muss auch an Geschäftsmodelle denken

Martin Litsch, Vorsitzender des AOK-Bundesverbandes, bekräftigt die Notwendigkeit des von der KBV geforderten "einheitlichen Datensatzes", international gebe es hierfür Standards, die man nutzen könne. Bestimme allerdings die KBV über die Inhalte, führe das zu einer "unglaublichen Einschränkung" für jene, die Akten anbieten wollen. Man müsse "auch an Geschäftsmodelle denken".

Litsch stellt sich vor, dass die Bundesnetzagentur inhaltliche Standards festlegen könnte – gültig für alle Beteiligten, auch für Entwickler von Geräten und Software. Strittig ist zurzeit noch, wie die vom Arzt erhobenen Daten in die Gesundheitsakte der Kassen kommen. Einen direkten Zugriff auf die Daten in der Praxis lehnen die Ärzte ab.

Deutschland fällt zurück

Eine Analyse der Stiftung Münch zeigt, dass Deutschland bei der Implementierung einer elektronischen Patientenakte den Anschluss zu verlieren droht. Im Vergleich von 20 europäischen Ländern hat sich Deutschland in den vergangenen zwei Jahren um zwei Plätze verschlechtert und liegt nur noch auf Platz 13. Spitzenreiter ist Dänemark. Es folgen Finnland und Schweden. "Es mangelte hierzulande bis dato an klaren, verlässlichen konzeptionellen Vorgaben der Politik", fasst Stephan Holzinger, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Münch, die Ursachen zusammen. Die Studie im Netz: https://bit.ly/2NSolK6

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