Jahresbericht 2001
Bei der 36. Jahrestagung der DDG in Aachen fand unmittelbar vor Kongreßbeginn das 6. Symposium der AG mit dem Titel "Neuropathien dünner Nervenfasern bei Diabetes mellitus" statt. Schwerpunktmäßig wurden dabei Probleme der Schädigung markarmer oder markloser Nervenfasen angesprochen, die erst in den letzten Jahrzehnten zunehmende klinische und wissenschaftliche Beachtung gefunden haben. Wesentlich betroffen sind hier vor allem das autonome Nervensystem sowie die sog. schmerzhafte Neuropathie (small fiber neuropathy). Bei den autonomen Neuropathien wurde von Merfort, Mönchengladbach, die wichtige Frage
diskutiert, ob beim Diabetiker vor Therapie der erektilen Dysfunktion in jedem Fall eine eingehende diagnostische Abklärung notwendig ist. Das Spannungsfeld bewegt sich dabei zwi-schen dem reinen Funktionieren der Erektion und ihrer Therapie sowie einem unabhängig vom Individuum immer zu fordernden diagnostischen Programm. Nach Meinung von Merfort ist eine eingehende Diagnostik nur sinnvoll, wenn differentialdiagnostische Probleme anstehen, deren Lösung bestimmte Therapieoptionen nach sich ziehen. Vor Einleitung einer Therapie der erektilen Dysfunktion bei Diabetikern mit Therapiewunsch sollte immer eine Basisdiagnostik mit eingehender Anamnese, körperlichem Untersuchungsbefund und wenigen Laborparametern durchgeführt werden. Diagnostisch sehr hilfreich ist ein gekürzter, international akzeptierter und validierter Fragebogen zur sexuellen Gesundheit beim Mann (IIEF-5), der in deutscher Übersetzung vorliegt und der z. B. bei der Firma Pfizer angefordert werden kann. In diesem Zusammenhang wurden auch Indikationen und Kontraindikationen von Sildenafil beim Diabetiker eingehend besprochen. Th. Forst, Mainz, berichtete über Untersuchungsmethoden der autonomen Innervation an den unteren Extremitäten, deren Schädigung sich insbesondere durch Beeinträchtigungen von Sudomotion und/oder Vasomotion äußern. Neben der klinischen Untersuchung können Gefäßveränderungen mit Laser-Dopplerfluxmetrie und Störungen der Sudomotion durch semiquantitative Tests (Ninhydrintest, Sweatspot-Test) und quantitativ durch Sudometrie nachgewiesen werden. Beide Funktionen weisen eine enge Korrelation zu Wahrnehmungsschwellen für die Temperatur- und Schmerzempfindung auf.
In zweiten Teil des Symposiums, das unter der Leitung von M. Haslbeck, München, und B. Neundörfer, Erlangen, stattfand, referierte F. Birklein über die komplexen Mechanismen der Schmerzentstehung, die heute experimentell durch bestimmte Schmerzmodelle nachweisbar sind. Im wesentlichen können spontane, sympathisch ausgelöste Schmerzformen (z. B. Brenn-schmerzen bei Kälte) und Formen der Hyperalgesie infolge zentraler Sensibilisierung (z. B. pin-prick Hyperalgesie) oder peripherer Sensibilisierung (z. B. auf Hitzereize) unterschieden werden. Über die diagnostischen Möglichkeiten der bei schmerzhafter Neuropathie bevorzugt bestehenden Schädigung der dünnen, unmyelinisierten C-Fasern berichtete C. Sommer, Würzburg. Ganz im Vordergrund steht hier die quantitative, sensible Testung (QST) z. B. mit Kälte- oder Warmreizen, während herkömmliche elektrophysiologische Standardtests hier nicht nützlich sind. Hinzukommen kann die histologische Untersuchung epidermaler oder subepidermaler Nervenfasern in Hautbiopsien mit immunhistochemischen Methoden. Die Kombination mit autonomen Funktionstests ermöglicht heute eine gute Globaldiagnostik der "small fiber neuropathy" sowie entsprechende Verlaufskontrollen. Abschließend faßte D. Luft, Tübingen, die Möglichkeiten der medikamentösen Therapie zusammen. Ist beim Diabetiker differentialdiagnostisch eine neuropathische Schmerzursache anzunehmen, können unter individueller Abwägung von Effektivität, Kontraindikationen, Nebenwirkungen, zusätzlichen Erkrankungen und nicht zuletzt finanziellen Gesichtspunkten Standardtherapeutika wie tricyc-lische Antidepressiva (z. B. Amitryptilin) und Antikonvulsiva (z. B. Carbamazepin, Gabapen-tin) eingesetzt werden. Andere Substanzen wie Alpha-Liponsäure, selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, Capsaicin und Opioide treten eher in den Hintergrund oder sind noch nicht zweifelsfrei belegt. Nicht zu vergessen ist die Stoffwechseloptimierung, deren Ef-fektivität bei schmerzhafter Neuropathie bisher ebenfalls nicht überzeugend gesichert werden konnte, physikalische Maßnahmen, Placebo-Effekte, z. B. durch intensive ärztliche Zuwen-dung und ein Auslaßversuch nach etwa sechsmonatiger medikamentöser Therapiedauer. Die eingehenden Diskussionen sowie die große Teilnehmerzahl (der Vortragssaal Toledo im Eu-rogress-Zentrum Aachen mit 560 Sitzplätzen war praktisch ganz gefüllt) haben wiederum das berechtigte Interesse an Fragen der diabetischen Neuropathien gezeigt.
Weitere Aktivitäten der AG betrafen das dritte Treffen der European Federation of Autonomic Societies (EFAS) im April 2001 in Erlangen, das von den Sektionen "Autonomic Nervous System" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und der Universität Erlangen unter der Kongreßleitung von B. Neundörfer, Erlangen, unter großer Beteiligung und mit wissenschaft-lich hochqualifizierter Themenstellungen stattgefunden hat (siehe Diabetologie-Informationen Heft 2, 2001). Besonders hingewiesen sei auf das 4. EFAS-Treffen vom 16. - 18. 5. 2002 in Athen (Schwerpunkte: Autonome Störungen bei Dysfunktion des Urogenitaltrakts, bei Neu-roendokrinopathien, Kopfschmerzen und spinalen Läsionen). Vom 29. - 31. August 2002 findet das jährliche Symposium der Neurodiab-Gruppe als Vorsymposium des EASD-Kongresses in Budapest statt. Informationen zu beiden Symposien sind unter Web-Site www.era.gr. und www.neurodiab.org oder durch den Sprecher der AG zu erhalten.
Erfreulich ist, daß entsprechend den Vorschlägen bei der letzten Beiratssitzung und Mitgliederversammlung in Aachen nach intensivem Schriftwechsel mit dem Tagungspräsidenten und dem geschäftsführenden Präsidenten beim DDG-Kongreß 2002 in Dresden drei Veranstaltun-gen unter Beteiligung der AG "Diabetes und Nervensystem" stattfinden können. Es handelt sich dabei um die Symposien "Diabetes und Gastrointestinaltrakt" sowie "Diabetes und Herz" am Donnerstag, den 9. 5. 2002. Hinzu kommt ein Expertensymposium "Somatosensible dia-betische Neuropathien" am Freitag, den 10. 5. 2002. Bereits jetzt sei darauf hingewiesen, daß die Mitgliederversammlung der AG am 9. 5. 2002 ab 16 Uhr stattfindet. Um möglichst zahlreiche Teilnahme aller Mitglieder wird gebeten. Weitere Einzelheiten sind dem demnächst erscheinenden Kongreßprogramm zu entnehmen.
Die 1996 gegründete AG umfaßt Anfang 2002 50 Mitglieder. Bei der 7. Mitgliederversammlung in Aachen am 23. 5. 2001 wurde die laut Satzung notwendige Anzahl anwesender Mitglieder zur anstehenden Neuwahl des Sprechers nicht erreicht, so daß eine Neurwahl im Umlaufverfahren stattfinden mußte. Dabei wurde M. Haslbeck, München, erneut für eine weitere Amtsperiode von drei Jahren zum Sprecher der AG gewählt.
Abschließend sei noch erwähnt, daß die von einer Expertengruppe der AG erarbeitete und im Mai 2000 erstmals publizierte, evidenzbasierte Leitlinie "Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle der sensomotorischen diabetischen Neuropathien" bis Anfang 2002 in einer Auflage von 20 000 Exemplaren gedruckt wurde (siehe auch Diabetologie-Informationen, Heft 2, 2001). Der zweite Teil der evidenzbasierten Diabetesleitlinie "Diagnose und Therapie der autonomen diabetischen Neuropathien" wurde von einer erweiterten Expertengruppe (M. Haslbeck, D. Luft, B. Neundörfer, H. Stracke, D. Ziegler, (DDG); S. Corvin (Urologie), M. Wienbeck (Gastroenterologie) sowie M. Redaelli (IKGE)) fertiggestellt und im Mai 2001 als Diskussionsentwurf publiziert (Diabetes und Stoffwechsel, 2001, 10:113 - 132). Die nach kritischen Zuschriften erneut überarbeitete Version sowie Anwenderversionen der beiden Leitlinien "Diabetische Neuropathien" werden derzeit von der DDG unter Einbeziehung der obengenannten Experten fertiggestellt.
27. 2. 2002
Prof. Dr. Manfred Haslbeck
Sprecher der Arbeitsgemeinschaft "Diabetes und Nervensystem e. V."
Telefon: 089/30 68 - 23 88/24 56
Telefax: 089/30 68 - 37 96
r der Arbeitsgemeinschaft "Diabetes und Nervensystem e. V."
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