Zur Lage der Migranten mit Diabetes mellitus
Zielgruppe: 15,3 Millionen Migranten in Deutschland
Laut Mikrozensus 2005 des Statistischen Bundesamtes leben in Deutschland 15,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. 10 Prozent der Bevölkerung sind Deutsche mit Migrationshintergrund (z.B. Spätaussiedler), 9 Prozent sind Ausländer, die überwiegende Zahl mit 81 % sind Deutsch ohne Migrationserfahrung. Allein daran ist zu erkennen, wie heterogen die Gruppe der Migranten ist. Zusätzlich ist nicht jeder Ausländer ein Migrant, zum Beispiel, wenn er hier geboren ist. Andere offensichtliche Unterscheidungsmerkmale sind die Sprache, die Kultur und Religion, die Bildung, soziale Schicht und wie bei jedem Menschen, die psychologische Motivation.
Setzt man Voraus, dass 7 Prozent der Bevölkerung an Diabetes mellitus leiden, wären es bei einer Gesamtzahl von 15,3 Millionen Menschen zirka 1 Million Migranten mit Diabetes mellitus. Für türkische Migranten wird sogar eine Prävalenz von 14,9% angenommen.
Es gilt nun diese heterogene Gruppe von Menschen mit Diabetes unter Berücksichtigung ihrer soziokulturellen Eigenheiten und den individuellen Migrationserfahrungen adäquat, leitlinienorientiert und nach evidenzbasierten Medizin zu betreuen. Die Präventionsbemühungen sollten die Gesamtgruppe von 15,3 Millionen Migranten ansprechen können.
Wurden bisher die offensichtlichen Punkte wie die Sprache und Kultur für die führenden Kommunikationshindernisse angesehen, zeigen gerade in letzter Zeit immer mehr Arbeiten – wie von unserer Arbeitgruppe von Beginn an vertreten – dass soziale Schicht und die mangelnde Bildung die dominierenden Determinanten sind, die neben den zuvor genannten Punkten, eine adäquate Behandlung verhindern.
Daher müssen beinahe alle Konzepte der einzelnen Arbeitsgemeinschaften der DDG die soziokulturellen Faktoren und Migrationserfahrungen der Menschen mitberücksichtigen. Die Expertise des Robert-Koch-Institutes zum 2.Armuts- u. Reichtumsbericht der Bundesregierung“ vom März 2005, „Armut, soziale Ungleichheit und Gesundheit“ unterstreicht eindrucksvoll die entscheidenden Zusammenhänge. (Siehe auch: Algül H, Mielck A: Türkische Gastarbeiter als Patienten im deutschen Gesundheitssystem: Kritische Analyse und Vorschläge für eine bessere Versorgung. Gesundheits- und Sozialpolitik 2005; 11/12: 45-55 und Andreas Mielck: Soziale Ungleichheit und Gesundheit. Einführung in die aktuelle Diskussion. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2005. )
Wir haben unsere Aufgabe unter Anderem bisher darin gesehen, die Sensibilisierung der Leistungsträger für dieses komplexe Thema zu erhöhen und die Kooperation mit möglichst allen AGs der DDG zu suchen. Nach dem Motto „auch Migranten haben Herzen und Füße und werden schwanger“.
Für uns lautet heute die spannende Frage: wie machen es die anderen AGs? Inwieweit werden die Migranten in der täglichen Arbeit und in der Gesamtkonzeption mitberücksichtigt?
Wir haben zum Beispiel in Leipzig im Mai 2006 mit Freuden festgestellt, dass diese Thematik von der AG Klinische Diabetologie bereits mitbehandelt wird: ( s. Programm 25.Mai 2006 Donnerstag Saal 5 Vorsymposium: Aktuelle Entwicklungen in der klinischen Diabetologie)
Darüberhinaus benötigen wir ein obligates Interkulturelles Training und psychosoziale Kompetenzförderung der Leistungserbringer: wie z.B. die AG Psychologie, Susanne Woods, Novo Akademie, Gesa Krämer,Culture Coaching & Training, Beteiligung einiger unserer Mitglieder an der Diabetesberaterinnen Ausbildung bereits leisten.
Adaptierte Prävention für Migranten erfordert zunächst die bisherigen Zugangsbarrieren zu erkennen ( s. Gesundheitsversorgung von Migranten Deutsches Ärzteblatt 101, Ausgabe 43 vom 22.10.2004, Seite A-2882 / B-2439 / C-2326 SPEKTRUM ) , um danach entsprechende Präventionsprogramme zu entwickeln. Dieses wird bereits in Kooperation mit der Deutschen Diabetes Stiftung geplant.
Die Schulungen bzw. die Betreuung sollten in der Muttersprache, besser bilingual stattfinden. Dazu sollten u.A. bebilderte, klare Broschüren, Informationsunterlagen und Bücher: (s. AG Diabetes und Migranten „Bewertungsscore für Schulungs- und Infomaterial“ vorgestellt Berlin 2005) Verwendung finden. Vorrang gaben kleinschrittige Verhaltensänderungen und das praktische Tun. Es sollten einfache Erklärungsmodelle gewählt werden. Transparente Auftragsklärung entscheidend für den Verlauf der Behandlung, Geduld und Ausprobieren sind erforderlich (s. “AG Diabetes und Migranten: Empfehlungen für die Diabetes-Behandlung von Migranten“, Fassung Oktober 2005)
Es ist unabdingbar die Patientengruppe bzw. Klassifizierung rechtzeitig zu erkennen. Kriterien hierzu müssen noch wissenschaftlich überprüft werden, woran wir derzeit arbeiten.
Unsere aktiven Mitglieder sind bereits Autorinnen und Autoren von Broschüren, Büchern und Publikationen. Wir veranstalten Symposien, halten Vorträge, suchen unentwegt Gespräche mit den Leistungserbringern oder Verantwortlichen zum Thema Migranten und ihren Problemen. Es werden Materialien entwickelt, die einfache und plakative Wissensvermittlung an Menschen ohne Sprach- und Sachkenntnisse ermöglichen sollen. All diese Aktivitäten werden aus eigener und privater Kraft getragen – bisher ohne eine Lobby – in mühsamer, alltäglicher Kleinarbeit. Ich bedanke mich vor diesem Forum bei allen diesen fleißigen Kolleginnen und Kollegen herzlich.
Als langfristige Perspektive würden wir gerne unsere Arbeitsgemeinschaft auflösen, wenn alle Migranten eine Betreuung oder Schulung angeboten bekommen und infolge guter Sprachkurse und Bildungsangebote, die unsere Gesellschaft ihnen anbietet, ihr Bildungshandicap verloren hätten.
Dr.med. Batuhan Parmakerli-Czemmel
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