01.12.2014

Wirbel um Saccharin & Co: Maßvoller Konsum von Süßstoff scheint unbedenklich

Aus Sicht der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) gibt es nach wie vor keinen Beleg dafür, dass der maßvolle Gebrauch von Süßstoff dem Menschen schadet und etwa das Risiko für Typ-2-Diabetes erhöht. Die Fachgesellschaft tritt damit Befürchtungen entgegen, die nach Veröffentlichung einer tierexperimentellen Studie in der Fachzeitschrift Nature laut geworden waren. Die Studie hatte für Wirbel gesorgt, weil bei Mäusen nach dem Genuss sehr großer Mengen von Süßstoff der Blutzuckerspiegel angestiegen war. Um diesen Effekt beim Menschen zu erzeugen, seien unrealistisch hohe Dosierungen erforderlich, betont die DDG. Süßstoff sei als gelegentlicher Zusatz für Getränke oder feste Nahrungsmittel im Rahmen eines ausgewogenen Ernährungsplanes für Menschen mit Diabetes mellitus weiterhin sinnvoll und sollte Zuckeraustauschstoffen wie Fruktose vorgezogen werden. Bemerkenswert sei die Studie vor allem in Hinblick auf eine mögliche Rolle von Darmbakterien bei der Modulation der Glukosetoleranz.

Wissenschaftler aus Israel hatten vor kurzem in Nature über Versuche mit Mäusen berichtet, denen sie elf Wochen lang Wasser gaben, das in hoher Konzentration mit Süßstoff versetzt war. Im Vergleich zu Mäusen, die ungesüßtes oder mit Zucker gesüßtes Wasser erhielten, stiegen bei der Süßstoff-Gruppe die Blutzuckerwerte in Glukosetoleranztests unverhältnismäßig stark an. Eine gestörte Glukosetoleranz gilt als Risikofaktor für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes.

In einem weiteren Experiment testeten die Wissenschaftler, ob sich dieser Effekt auch beim Menschen einstellt. Dazu nahmen sieben Probanden eine Woche lang die erlaubte Höchstdosis des Süßstoffs Saccharin zu sich. Ergebnis: Bei vier Teilnehmern verschlechterten sich die Blutzuckerwerte, bei den drei anderen machte sich keine Veränderung in den Glukosetoleranztests bemerkbar. „Aus diesem Ergebnis abzuleiten, dass der Gebrauch von Süßstoff generell das Diabetes-Risiko erhöht, ist jedoch zum jetzigen Zeitpunkt übertrieben“, betont Professor Dr. med. Jochen Seufert, Leiter der Abteilung Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Freiburg. „Denn um die in den Studien verwendeten Dosierungen im Rahmen einer normalen Ernährung zu erreichen, müsste man beispielsweise literweise mit Süßstoffen gesüßte Diät-Getränke täglich trinken, und das ist unrealistisch“, so Seufert.

Privatdozent Dr. med. Erhard Siegel, Präsident der DDG, rät daher zu einem maßvollen Umgang mit Süßstoff. „Süßstoff ist nach derzeitigem Erkenntnisstand gesünder als etwa Fruchtzucker, der die Blutfette ungünstig beeinflusst und Fettleber, Übergewicht und Typ-2-Diabetes zu fördern scheint“, erläutert Siegel. Als gelegentlicher Zusatz in Getränken oder festen Nahrungsmitteln sei Süßstoff unbedenklich. „Im Übrigen gilt: Sogar Diabetespatienten können Zucker zu sich nehmen – bis zu 50 Gramm pro Tag“, fügt der DDG-Präsident hinzu.

Wichtig ist aus Sicht der DDG eine weitere Erkenntnis, die die Nature-Studie zu Tage förderte. Denn das Wissenschaftler-Team um Jotham Suez ging in einem zweiten Schritt in Experimenten der Frage nach, auf welche Weise Süßstoff die Blutzuckerwerte beeinflusst. Die Ergebnisse legen nahe, dass Süßstoff die Zusammensetzung der Bakterien im Darm verändert. So begünstigt Süßstoff offenbar das Wachstum von Darmbakterien, die die Aufnahme von Zucker ins Blut steigern und damit den Blutzuckerwert erhöhen, vermuten die Forscher. „Dass Süßstoff unseren Stoffwechsel über Darmbakterien beeinflussen kann, ist eine spannende neue Erkenntnis“, erklärt Seufert. „Möglicherweise können wir ja eines Tages Darmbakterien als therapeutisches Mittel zur Behandlung von Diabetes einsetzen.“


Quelle:
Suez, J. et al. Artificial sweeteners induce glucose intolerance by altering the gut microbiota. Nature 514, 181–186 (2014)
doi:10.1038/nature13793